Fachregel für Abdichtungen – Flachdachrichtlinie 2016

15.11.2016 07:00  Von:: Bauplanung

Flachdachrichtlinie 2016Die aktuelle Fassung der Flachdachrichtlinie1 erscheint im Dezember 2016. Mit dem Inkrafttreten am 1. Dezember 2016 löst die neue Flachdachrichtlinie die Vorgängerausgabe vom Oktober 2008 (mit Änderungen in den Jahren 2009 und 2011) ab. Die Flachdachrichtlinie ist als eigenständiges Regelwerk zu betrachten und gilt als Allgemein anerkannte Regel der Technik. Sie wird vom Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks und dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V. herausgegeben.

 

Abschnitt Struktur der Flachdachrichtlinie
  Ausgabe 2016 Ausgabe 2008 (Änderungen in 2009 und 2011)
1 Allgemeine Regeln Allgemeine Regeln
2 Beanspruchungen und Anforderungen Regel für Abdichtungen nicht genutzter Dächer
3 Planung und Ausführung der Funktionsschichten Regel für Abdichtungen genutzter Dächer und Flächen
4 Details Details
5 Pflege und Wartung Pflege und Wartung
Anhang I Windsogsicherung von Dächern mit Abdichtungen mit einer Neigung kleiner 5° Windsoglasten auf Dächer mit Abdichtungen (Flachdächer) nach DIN 1055-4:2005-03
Anhang II Detailskizzen Detailskizzen
  Hinweis: In der Tabelle sind jeweils nur die Überschriften der Hauptkapitel angegeben, die Unterabschnitte wurden weggelassen.

 

Änderungen gegenüber der bisherigen Ausgabe
Mit der Neuausgabe der Flachdachrichtlinie (2016) ergeben sich einige grundlegende Änderungen. Zu den wesentlichen Änderungen zählen:
1. Neustrukturierung der Flachdachrichtlinie (u. a. keine Unterscheidung mehr in nicht genutzte und genutzte Dächer).
2. Ausweitung des Geltungsbereichs.
3. Änderungen bei der Klassifizierung der Beanspruchungen und Eigenschaften.
4. Erweiterung der Leistungsstufen bei Abdichtungen mit Flüssigkunststoffen.
5. Anpassung der Maßnahmen der Windsogsicherung an die europäische Windlastnorm (DIN EN 1991-1-4).
6. Wegfall der Unterscheidung in „Standardausführung (K 1) und höherwertige Ausführung (K 2)“.
7. Redaktionelle Änderungen.

Einige wichtige Änderungen werden in den nachfolgenden Abschnitten erläutert.

Ausweitung des Geltungsbereichs
Der Geltungsbereich der neuen Flachdachrichtlinie wurde teilweise erweitert und angepasst. Bisher galt die Flachdachrichtlinie nur für die Abdichtung von nicht genutzten Dächern (einschließlich extensiv begrünten Dachflächen) und genutzten Dach und Deckenflächen. Zu den Letzteren zählen auch Balkone, Terrassen sowie Flächen mit intensiver Begrünung. Explizit ausgenommen vom Anwendungsbereich der bisherigen Flachdachrichtlinie waren allerdings Parkdecks und vergleichbare befahrbare Flächen. In der neuen Ausgabe zählen Abdichtungen von befahrbaren Dach- und Deckenflächen (z. B. Parkdecks) nun zum Geltungsbereich. Weiterhin gilt die neue Flachdachrichtlinie auch für die Abdichtung von erdüberschütteten Deckenflächen. In den Geltungsbereich der Flachdachrichtlinie wurden auch Abdichtungen von Dächern mit Solaranlagen mit aufgenommen.

Tabelle2

Geltungsbereich der Flachdachrichtlinie (2016)
gilt für gilt nicht für
Abdichtungen nicht genutzter Dächer Abdichtungen von Unterdächern
Abdichtungen von Dachflächen mit extensiver Begrünung Abdichtungen von erdberührten Wänden und Bodenplatten sowie Abdichtungen in und unter Wänden nach DIN 18533
Abdichtungen genutzter Dach- und Deckenflächen (einschl. Balkone, Terrassen, Loggien, Laubengänge) Abdichtungen von Innenräumen nach DIN 18534
Abdichtungen von Dachflächen mit intensiver Begrünung Abdichtungen von Behältern und Becken nach DIN 18535
Abdichtungen befahrbaren Dach- und Deckenflächen Abdichtungen von befahrbaren Flächen, die nicht zu einem Gebäude gehören (wie z. B. Brücken)
Abdichtungen von erdüberschütteten Deckenflächen Abdichtungen von Deponien, Erdbauwerken und bergmännisch ausgeführten Tunneln
  Abdichtungen mit mineralischen und flexiblen Dichtungsschlämmen 
  Abdichtungen im Verbund mit Fliesen und Platten (AIF-V)
  Abdichtungen mit kunststoffmodifizierten Bitumendickbeschichtungen

 

Änderungen bei der Klassifizierung der Beanspruchungen und Eigenschaften
Bisher wurde in der Flachdachrichtlinie eine Klassifizierung der Beanspruchungen, die auf die Abdichtung nicht genutzter Dächer wirken, vorgenommen. Dabei wurden mechanische (I, II) und thermische Einwirkungen (A, B) mit jeweils zwei Stufen berücksichtigt. Durch Kombination der einzelnen Stufen ergaben sich vier verschiedene Beanspruchungsklassen (IA, IB, IIA und IIB), die die Grundlage für die Bemessung der Abdichtung bildeten.

Diese Klassifizierung ist in der Neufassung der Flachdachrichtlinie nicht mehr vorgesehen. Korrespondierend hierzu wurden auch die bisher den Beanspruchungsklassen zugeordneten Eigenschaftsklassen (E1 bis E4), die die Widerstandsfähigkeit der Abdichtungsstoffe gegenüber den Beanspruchungen angeben, nicht mehr aufgenommen.

Auch die bisher vorgenommene Unterscheidung der Ausführungsqualität (Anwendungskategorien) der Abdichtung nicht genutzter Dächer in eine Standardausführung (K1) und eine höherwertige Ausführung (K2) findet sich in der neuen Flachdachrichtlinie nicht mehr.

Erweiterung der Leistungsstufen bei Abdichtungen mit Flüssigkunststoffen
Die Leistungsstufen von Abdichtungen mit Flüssigkunststoffen (FLK) wurden im Vergleich zur bisherigen Ausgabe teilweise erweitert. Dies betrifft die Einordnung in die Klimazone sowie die zu beachtenden Oberflächentemperaturen. Zukünftig sind Abdichtungen mit flüssig zu verarbeitenden Abdichtungsstoffen für die Klimazone S (extremes Klima) auszulegen. Bisher war nur die Klimazone M (gemäßigtes Klima) gefordert.

Korrespondierend dazu wurden auch die Anforderungen an die von der Abdichtung aufzunehmenden Ober-flächentemperaturen angepasst. Die aktuelle Flachdachrichtlinie fordert einen Temperaturbereich von Leistungsstufe TL4 (entspricht einer tiefsten Oberflächentemperatur von - 30 °C) bis TH4 (höchste Oberflächen-temperatur + 90 °C). In der bisherigen Ausgabe wurden lediglich Oberflächentemperaturen von TL3 (- 20 °C) bis TH3 (+ 80 °C) gefordert. Der Klimawandel und die damit verbundenen extremeren Wetterereignisse in Verbindung mit höheren Temperaturen sind offensichtlich einer der Gründe für diese Änderung.

Die anderen Leistungsstufen, wie die Nutzungsdauer und die Nutzlast, für die Abdichtungen aus Flüssigkunststoff (FLK) auszulegen sind, wurden beibehalten. Hier fordert die Neuausgabe der Flachdachrichtlinie eine Nutzungsdauer von 25 Jahren (Leistungsstufe W3) und eine Nutzlast, die einer besonderen Beanspruchung entspricht (Leistungsstufe P4). Diese ist üblicherweise bei genutzten Dachflächen, insbesondere bei Dachterrassen, zu erwarten. 

Eine weitere Änderung gegenüber der bisherigen Ausgabe aus dem Jahre 2008 ergibt sich hinsichtlich der Festlegung der Mindestnenndicke. Bisher war eine Mindestdicke von 2,0 mm gefordert. In der neuen Flachdachrichtlinie wurde dieser Wert auf 2,1 mm angehoben. Eine Übersicht über die Anforderungen, die an die Flüssigkunststoffe gestellt werden, ist in der folgenden Tabelle angegeben.

Tabelle3

 Stoff   Leistungsstufea  Einlageb  Mindestnenndickec
 Klasse Kurzzeichen Erläuterung

Flexible ungesättigte Polyuesterharze(UP)

 

Flexible Polyurethanharze (PUR)

 

Flexible reaktive Polymethylmethacyclate (PMMA)

    

Klimazone  S  extremes Klima mind.110g/m2 2,1mm
  W3 25 Jahre 
Dachneigung S1 <5% 
S2 5% bis 10%
S3 10% bis 30%
S4 >30%
Nutzlast P4 besondere Beanspruchung
Tiefste Oberflächentemperatur  TL4  -30°C
Höchste Oberflächentemperatur  TH4  +90°C
 

aFür die Erläuterung der Leistungsstufen wird auf das Produktdatenblatt Flüssigkunststoffe verwiesen.
b Kunststofffaservlies
c Kein Einzelwert darf die Mindestschichtdicke um mehr als 5 % unterschreiten. Falls in der europäischen Zulassung eine höhere Mindestschichtdicke gefordert wird, gilt der höhere Wert.
dUnabhängig von der tatsächlichen Dachneigung sind alle Neigungsstufen S1 bis S4 nachzuweisen.

 

 

Nach wie vor müssen die als Abdichtung verwendeten Flüssigkunststoffe eine Europäisch Technische Bewertung bzw. Zulassung (ETA)2 auf Grundlage der ETAG 005aufweisen. Außerdem sind sie mit dem CE-Zeichen zu kennzeichnen, aus dem u. a. die Mindesttrockenschichtdicke sowie die nachgewiesenen Leistungsstufen hervorgehen.

Die Flüssigkunststoffe bestehen aus ein- oder mehrkomponentigen Reaktionsharzen, wobei hierfür

  • • flexible ungesättigte Polyesterharze (UP), 
  • • flexible Polyurethanharze (PUR) oder
  • • flexible reaktive Polymethylmethacrylaten (PMMA)

verwendet werden können.

Die Abdichtung ist in zwei Schichten aufzutragen und mit einer Einlage aus Kunststofffaservlies mit einem Flächengewicht von mind. 110 g/m2 zu verstärken. Abdichtungen mit Flüssigkunststoffen gelten als einlagige Abdichtung (obwohl sie in zwei Schichten aufgetragen werden) und werden dem Anwendungstyp DE zugeordnet (DE: einlagige Abdichtung).

Anpassung der Maßnahmen der Windsogsicherung von Dächern an die europäische Windlastnorm
Eine weitere Änderung betrifft die Maßnahmen der Windsogsicherung von Dächern. Hier war es erforderlich, die Regeln an die europäische Windlastnorm DIN EN 1991-1-414 anzupassen. Die Angaben in der bisherigen Ausgabe der Flachdachrichtlinie basierten noch auf der nationalen Windlastnorm (DIN 1055-45), die inzwischen zurückgezogen und durch die DIN EN 1991-1-4 ersetzt wurde.

Wegfall der Klassifizierung nach Anwendungskategorien
In der neuen Flachdachrichtlinie (2016) wird keine Unterscheidung mehr in die verschiedenen Anwendungskategorien K 1 (Standardausführung) und K 2 (höherwertige Ausführung) vorgenommen. Abdichtungen werden einheitlich behandelt.

1 Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks – Fachverband Dach-, Wand- und Abdichtungstechnik – e. V. und Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V. – Bundesfachabteilung Bauwerksabdichtung (Hrsg.): Fachregel für Abdich-tungen – Flachdachrichtlinie; Ausgabe Dezember 2016; Berlin

2 ETA: European Technical Approval

3 ETAG 005: Leitlinie für die europäische technische Zulassung für „Flüssig aufzubringende Dachabdichtungen“ (ETAG – Guideline for European Technical Approval); Deutsches Institut für Bautechnik (DIBt) (Zulassungsstelle); Berlin

4 DIN EN 1991-1-4:2010-12: Eurocode 1: Einwirkungen auf Tragwerke – Teil 1-4: Allgemeine Einwirkungen – Windlasten; Beuth Verlag, Berlin

5 DIN 1055-4: 2005-03: Einwirkungen auf Tragwerke – Teil 4: Windlasten; (inzwischen zurückgezogen; Nachfolgedokument: DIN EN 1991-1-4); Beuth-Verlag, Berlin 

Quelle: Artikel aus dem Praxishandbuch Praxisgerechte Bauwerksabdichtungen

Bildrechte: © Jürgen Lech (Personen-zertifizierter Sachverständiger; Fachgebiet Bau- und Versicherungsschäden *ZN-20110407 0164, gültig bis 05/2019* überwacht durch SVG office GmbH, EURO-ZERT gemäß DIN EN ISO/IEC 17024:2012 strukturierte Zertifizierungsstelle)


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