The Winning Mindset – and the way it is „set“

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Die Angewandte Sportpsychologie interessiert sich seit mehr als 50 Jahren für die menschliche Höchstleistung im Spannungsfeld von Sport und Leistung. Ihr Credo: Sie will sportliche Leistung beschreiben, erklären, vorhersagen und optimieren. Als unbestritten gilt die These, wonach psychische Fähigkeiten und Fertigkeiten im Leistungssport – dann, wenn’s zählt – matchentscheidend sind. Erfolgreiche SportlerInnen betonen ihr großes Selbstvertrauen, ein hohes Maß an Fokussierung und Zuversicht. TrainerInnen sprechen ihren Teams oft „Siegerqualitäten“ zu, meinen damit Mut, Ausstrahlung und Leidenschaft. Von dieser „Siegermentalität“ – „The Winning Mindset“ – handelt dieser Beitrag. Er vermittelt Einblicke in leistungsbestimmende mentale Aspekte und liefert wichtige Praxishinweise.

Szenenwechsel: Fußball, Bundesliga 5. Spieltag, Schalke 04 verliert das Revierderby auswärts gegen den BVB 3:0. Die Medien geißeln die Schalker der Unfähigkeit, berichten von einer historische Niederlagenserie. Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre orten das Hauptproblem im Kopf. Das Selbstvertrauen habe gefehlt oder wie es ein Vereinsfunktionär sehr bildhaft ausdrückt: „Du musst das Herz in der Hand haben und nicht in der Hose.“

Es ist nicht Aufgabe des Sportpsychologen, diese Aussagen öffentlich zu kommentieren, eine Ferndiagnose zur psychischen Verfassung des Teams zu stellen oder gar Handlungsmaßnahmen zu propagieren. In meiner täglichen Betreuungsarbeit als Sportpsychologe dienen diese Informationen aber als maßgeblich relevante Orientierungsgrundlage. Der Athlet, der Profifußballer wie auch die talentierte Nachwuchsschwimmerin, alle kommen mit Erfahrungen, Überzeugungen und Prägungen in diese Beratungssituation. In der Konstruktion ihrer sportlichen Expertise (Trainingsarbeit, Wettkampfverhalten, Umfeldgestaltung usw.) erkennt der Sportpsychologe Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. In der anschließenden Zusammenarbeit gilt es, seine sportpsychologische Expertise sportartspezifisch, individuell, ziel- und bedürfnisorientiert einzusetzen.

Mental Toughness – über mentale Stärke zum sportlichen Erfolg

„When the going gets tough, the tough get going!“. Diesem Slogan folgend bezeichnet Toughness die individuell ausgeprägte Fähigkeit, im entscheidenden Moment und ungeachtet der dabei herrschenden inneren und äußeren Bedingungen, sich an seiner oberen Leistungsgrenze zu bewegen. Das Konzept beschreibt ein Bündel von basalen psychischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die dem Athleten helfen, seine Energie in kritischen Situationen optimal zu nutzen und herausfordernde Ereignisse positiv zu deuten.

Basierend auf dem ursprünglich entwickelten 4C-Modell – Control, Commitment, Challenge und Confidence – wird mentale Toughness als Tendenz beschrieben, umgänglich und kontaktfreudig zu sein. Gleichzeitig werden mental starke Personen durch Ruhe, Gelassenheit, geringe Ängstlichkeit sowie ein hohes Vertrauen in sich selbst und die eigenen Einflussmöglichkeiten charakterisiert. Im wissenschaftlichen Diskurs zeigt sich, dass mental starke Athleten über günstigere Bewältigungsstrategien verfügen, deren Wirkung sich in einer höheren Leistungsfähigkeit manifestiert. Erfolgreiche SportlerInnen an Olympischen Spielen zeichnen sich gegenüber ihren weniger erfolgreichen MitstreiterInnen durch ein hohes Mass an Selbstvertrauen, besondere Konzentrationsfähigkeit und emotionale Robustheit aus.

Die Persönlichkeitspsychologie ordnet diese Form der mentalen Toughness einem recht stabilen, überdauernden Persönlichkeitsmerkmal zu. Die empirischen Befunde hinsichtlich einer genetischen Disposition schwanken zwischen 36 und 56 %, vergleichbar mit dem Erblichkeitsanteil der meisten anderen Persönlichkeitsmerkmale. In einer repräsentativen, sportartübergreifenden Längsschnittstudie konnte im Schweizer Spitzensport vor wenigen Jahren der Nachweis erbracht werden, dass der mentalen Stärke junger Nachwuchshoffnungen ein sehr hoher Vorhersagewert für späteren sportlichen Erfolg im Elite-Sportbereich zukommt.

Aufgrund der Trainierbarkeit mentaler Fähigkeiten und ihrer erwiesenermaßen langfristigen Bedeutung stellen mentale Fertigkeiten für die langfristige sportliche Entwicklung einen Schlüssel zum Erfolg dar. Für die Förderung von hoffnungsvollen Nachwuchsathleten ergibt sich dadurch die Implikation, dass vermehrt in sportpsychologische Schulung und Betreuung investiert werden sollte, und zwar bereits im Nachwuchsalter. Wenn frühzeitig mentale Kompetenzen und Strategien aufgebaut und verbessert werden, lässt sich dadurch die Wahrscheinlichkeit von späterem Erfolg maßgeblich erhöhen.

Psychologisches Training – individuell, zielgerichtet und der Sportart angepasst!

Die vorrangige Bedeutung psychologischer Aspekte sowie mentaler Fertigkeiten und Fähigkeiten im Hinblick auf eine erfolgreiche leistungssportliche Karriere ist unbestritten. So überrascht nicht, dass in den letzten Jahren der Stellenwert des Trainings psychologischer Fähigkeiten deutlich gestiegen ist und die Zahl der Athleten, die psychologische Trainingsstrategien anwenden, kontinuierlich zugenommen hat.

Gleichzeitig ist sportpsychologisches Wissen per Mausklick greifbar – auf spezialisierten Internetplattformen (die-sportpsychologen.de), in Fachzeitschriften und Büchernstehen vielfältige Informationen unentgeltlich zur Verfügung. Viele der dort beschriebenen mentalen Trainingsformen lassen sich autodidaktisch, quasi in Eigenregie, ausprobieren, erlernen und anwenden. Wie in anderen Fachbereichen üblich (z. B. Ernährungsberatung oder Trainingsplanung) empfiehlt auch die Angewandte Sportpsychologie fachtechnische Beratung, wenn es darum geht, psychologisches Training professionell und effizient in die Leistungspraxis zu integrieren. Wie in anderen Trainingsbereichen gilt auch hier: Psychologisches Training muss systematisch, zielorientiert, geplant, kontrolliert und evaluiert sein.

In der wissenschaftlichen Betrachtung fällt das Urteil zur Wirksamkeit des psychologischen Trainings im Sport zwiespältig aus. Obwohl es beträchtliche wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit traditioneller psychologischer Methoden zur Leistungssteigerung gibt, monieren viele Fachexperten einen zunehmend unkritischen Umgang mit anwendungsnahen Interventionsstudien, welche die wissenschaftlichen Vorgaben evidenzbasierter Forschung nicht einhalten können.

Die inhaltliche Herausforderung liegt in der Heterogenität und der damit verbundenen Breite und Komplexität des Forschungsgegenstands. Aufgrund unterschiedlicher sportartspezifischer Anforderungen dürfte sich das psychologische Anforderungsprofil im Skispringen grundlegend von jenem in der Sportart Floorball unterscheiden. Die Erstellung sportspezifischer Profile als Grundlage einer zielorientierten Trainingsplanung wäre das eine, die sportwissenschaftliche Forschung zu psychischen oder mentalen Anforderungsprofilen in unterschiedlichen Sportarten das andere – beides wird nur selten gemacht. Ausnahmen finden sich u. a. im Zehnkampf, Skispringen, Rollstuhlbasketball oder Schwimmsport.

Langfristiger Erfolg – die psychische Gesundheit als Voraussetzung

Mentale Toughness – auch in Verbindung mit einem sportartspezifischen psychologischen Training – dürfte letztlich nicht ausreichen, um im Leistungs- und Spitzensport längerfristig erfolgreich sein zu können. Wissenschaftler betonen an dieser Stelle die grundsätzliche Bedeutung der psychischen Gesundheit (Mental Health) als der zentralen Ressource für eine erfolgreiche und nachhaltige Karriere.

Insgesamt wird das sportliche Umfeld als entscheidende Einflussgröße auf die mentale Gesundheit der Athleten beschrieben. Besonderes Gewicht wird dabei Trainern, Eltern und den Peers zugeschrieben. Eltern haben maßgeblichen Einfluss auf die psychische Entwicklung ihrer Kinder. Trainer können die positive psychosoziale Entwicklung und das Wohlbefinden fördern, indem sie den Athleten darin unterstützen, auf die verschiedenen sportspezifischen Stressoren auf gesunde Weise zu reagieren. In der Sportgruppe wie auch im Freundeskreis außerhalb des Sports entwickeln und erleben insbesondere junge SportlerInnen unterstützende, wertschätzende Beziehungen. Es ist die Vielzahl aller Bemühungen innerhalb und außerhalb des Sports, die letztlich zur Ausprägung psychischer Gesundheit beitragen, das Aufblühen (Flourishing) auch in der sportlichen Tätigkeit ermöglichen und schließlich eine langfristig positive Leistungsentwicklung ermöglichen.

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Zum Zusammenspiel von mentaler Stärke und mentaler Gesundheit (in Anlehnung an Keyes, 2002).

Aus dem Zusammenspiel von mentaler Toughness und psychischer Gesundheit (vgl. Abbildung) lassen sich unterschiedliche psychophysische Zustände, Erlebens- und Verhaltensweisen beschreiben. Ebenso lassen sich die Notwendigkeit und eine allenfalls angezeigte Dringlichkeit einer psychologischen Intervention daraus ableiten. Das Modell erklärt beispielsweise, dass sportliche Spitzenleistungen auch koinzidiert mit psychischen Erkrankungen realisiert werden können, die dabei errungenen Erfolge möglicherweise unter Aufbringung aller psychischen Ressourcen erkämpft werden – wie das Beispiel des US-amerikanischen Schwimmers zeigt, der in seiner langen und erfolgreichen Karriere immer wieder unter seiner diagnostizierten Depression litt.

Unter einer ganz anderen Symptomatik leidet dagegen der „Trainingsweltmeister“, dem es tatsächlich an mentaler Stärke in der Wettkampfsituation mangelt und der in seiner Leistungsentwicklung stagniert (Languishing), von psychischen Erkrankungen aber nicht betroffen ist. Wiederum völlig anders präsentiert sich die Lebenslage eines psychisch erkrankten, mental angeschlagenen Athleten (Floundering), der dringend auf psychotherapeutische Unterstützung angewiesen ist.

Siegermentalität – ein erlernbares Persönlichkeitskonstrukt?

Das Thema Siegermentalität im Leistungssport (Winning Mindset) ist gleichermaßen spannend wie tückisch. Eine Gefahr besteht unter anderem darin, sich allzu sehr auf populärwissenschaftliche Exkurse einzulassen – eine andere, sich in der Weite des Themas zu verlieren. Im Kern dieses Ansatzes steht die Annahme einer variablen, lernfähigen und nicht primär den Genen zuzuschreibenden „Mentalität“, die aus individuellen Denkweisen, Haltungen und Einstellungen gespiesen wird.

Aus Sicht der Angewandten Sportpsychologie stehen die Vorzeichen im Prozess der langfristigen Entwicklung eines „Winning Mindsets“ dann besonders gut, wenn folgende Grundgedanken konsequent verfolgt werden:

  • frühe Förderung eines positiven Selbstbildes und Selbstbewusstseins;
  • lernförderlicher Umgang mit Niederlagen und Rückschlägen;
  • Entwicklung von mentaler Stärke, insbesondere von emotionaler Robustheit.

Was sind die entscheidenden Faktoren, um es an die Weltspitze zu schaffen? Für Adolf Ogi, ehemaliger Sportminister der Schweiz, ist der Sport und insbesondere der Nachwuchssport eine Lebensschule. „Man kann lernen, an Niederlagen nicht zu zerbrechen und bei Siegen nicht zu überschwänglich zu triumphieren. Man akzeptiert Gegner und Regeln, integriert sich, fasst Mut. Solche Erfahrungen bilden reife Persönlichkeiten.“ Auch Tennisprofi Roger Federer, der vielleicht bedeutendste Schweizer Spitzensportler, beschreibt seine Zeit als Teenager, die er in der Westschweiz verbrachte, als äußerst wertvoll: „Vorher war ich immer der Beste, nun war ich plötzlich der Jüngste und Schlechteste.“. Da er diese Herausforderung selber gesucht hatte, überwand er nicht nur Gefühle des Alleinseins und Heimwehs, sondern kämpfte sich sportlich durch.

Den entwicklungstheoretischen Hintergrund zu Federers Aussage bietet das Modell der Selbstbestimmungstheorie der beiden US-amerikanischen Psychologieprofessoren Edward Deci und Richard Ryan. Motiviertes Handeln und menschliche Entwicklung hängen demnach immer davon ab, inwieweit die drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenzerleben, sozialer Anerkennung und Autonomie (Selbstbestimmung) befriedigt werden können. Für die Herausbildung längerfristiger persönlichkeitsbildender Verhaltensweisen spielt die grundsätzliche Förderung der Eigeninitiative in Verbindung mit einer intrinsischen Motivationsgrundlage eine maßgebliche Rolle. Vielseitiges und freudvolles Training lässt das Talent eines zukünftigen Sportstars gedeihen und ihn an die Leistungsgrenze gehen.

Winning Mindset – Mindfulness

In der Diskussion um das Konstrukt Siegermentalität interessiert in der Sportpraxis v. a. die Frage: „How is your mind set!“ – Aber wie und mit welchen Tools gelingt das erfolgsorientierte, mentale Einstellen (set)? Hört man den SpitzensportlerInnen aufmerksam zu, wenn sie über Aspekte ihrer Mentalität und besondere Merkmale ihres Erlebens sprechen, stechen Attribute hervor, die auf eine besondere Form der Achtsamkeit (Mindfulness) schließen lassen: das selbstgesteuerte, selbstvertrauende und eigenverantwortliche Aufgehen in der Sache, ein achtsamer Umgang mit Stress und negativen Emotionen in Verbindung mit Gelassenheit, die eine unerschütterliche Fokussierung auf das Hier und Jetzt ermöglicht. Ihre leistungsorientierte Einstellung ist zudem getragen von einer offensichtlichen Lebensfreude, die zu einem beträchtlichen Teil aus dem unterstützenden Sportumfeld gespiesen wird. Achtsamkeit wird definiert als ein nicht bewertender Fokus der eigenen Aufmerksamkeit auf die augenblickliche Erfahrung. Im Gegensatz zu kontrollbasierten sportpsychologischen Interventionen liegt dem achtsamkeitsbasierten Ansatz das Prinzip der Akzeptanz des eigenen momentanen Zustands zugrunde. Anstatt negative Gedanken und Emotionen zu beseitigen, zielt der achtsamkeitsbasierte Ansatz auf ein nicht bewertendes Bewusstsein und die Akzeptanz des eigenen psychischen Zustands ab.

Attention is the currency of performance; a wandering mind is an unhappy mind – I can be calm even I’m not calm. Achtsamkeitbasiertes Training versucht, einen flexiblen, offenen und positiven Umgang insbesondere in als unangenehm erlebten und emotional belastenden Situationen zu erreichen, ohne dass dabei die Aufmerksamkeit negativ beeinflusst wird. Auch Roger Federer nahm in jungen Jahren seiner Karriere die Unterstützung eines Sportpsychologen in Anspruch, um seine Wutausbrüche auf dem Tennis-Court zu eliminieren und einen leistungsförderlicheren Umgang mit negativen Emotionen zu entwickeln. Angesprochen auf seine Siegermentalität und seine Fähigkeit, Grenzen zu verschieben, sagte er in einem Interview 2017, er habe sich zu seinen besten Zeiten stets gefragt, wie er sich weiter verbessern könne. Möglicherweise äußert sich hier jene perfektionistische Grundhaltung, die große Athleten zu Stars wachsen lässt. Vielleicht zeigen sich hier aber auch Federers familiäre Wurzeln und seine Bindung zu Südafrika – mit Nelson Mandela, der einst sagte: „Ich verliere nie, entweder ich gewinne, oder ich lerne.“

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Zum Autor:
Dr. phil. Hanspeter Gubelmann, Fachpsychologe für Sportpsychologie FSP, Trainer Leistungssport Swiss Olympic und Diplom-Sportlehrer ETHZ, ist seit über 30 Jahren in verschiedensten Bereichen des Leistungssports als Ausbilder, Wissenschaftler, betreuender Sportpsychologe und Referent tätig. Er publiziert seine Erkenntnisse regelmäßig auf der internationalen Sport­psychologie-Plattform www.die-sportpsychologen.de und engagiert sich im Netzwerk www.mind2win.ch. Früher selbst im Leistungssport als Leichtathlet aktiv, wendet er seine Expertise heute gerne im Gesundheitsbereich und als ambitionierter Hobbysportler an.

Bild: © Adrian Zwyssig

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