Immer mehr Lehrkräfte sind Beleidigungen, Mobbing oder gar körperlicher Gewalt ausgesetzt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen forsa-Umfrage, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hatte. Befragt wurden 1.302 Schulleitungen von allgemeinbildenden Schulen in Deutschland. Der Verband schlägt Alarm und fordert mehr Unterstützung für betroffene Lehrer sowie eine Ausweitung der Schulsozialarbeit hinsichtlich dieser Problematik.

Aktuelle Kennzahlen 2020 zur Gewalt gegen Lehrkräfte

Mehr als die Hälfte der deutschen Schulen (61 %) bzw. deren Schulleitungen gaben bei der Umfrage an, dass ihre Lehrkräfte in den vergangenen fünf Jahren psychischer und/oder physischer Gewalt ausgesetzt waren, die von den Schülern ausging. Die Lehrkräfte wurden beschimpft, beleidigt, bedroht, gemobbt, belästigt, gestoßen, (mit Gegenständen) geschlagen, getreten, geschüttelt oder an den Haaren gezogen. Bei der Umfrage vor zwei Jahren waren es noch deutlich weniger Schulleitungen (48 %), die von Gewalt berichteten. Ebenfalls zugenommen, hat die Gewalt gegen Lehrer im Internet. 

Körperliche Gewalt tritt laut Umfrage vor allem in den Grundschulen auf, während die Schüler der Sekundarschulen eher mit psychischen Attacken auf ihre Lehrer losgehen und verstärkt im Internet agieren. Die folgende Tabelle aus der Umfrage zeigt die genauen Verhältnisse deutlich auf: 

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Quelle: forsa Politik- und Sozialforschung GmbH

Dass körperliche Gewalt gegen Lehrer verstärkt in den Grundschulen auftritt, erklärt der VBE damit, dass jüngere Schüler ihre Emotionen oft noch nicht so gut kontrollieren bzw. nicht wissen, wie sie diese anders zum Ausdruck bringen können.

Treten in der Klasse vermehrt Aggressionen auf, können Lehrkräfte das Thema Wut direkt ansprechen und z. B. Wutecken oder Wutbriefkästen einrichten. Oder die Lehrkraft lässt die Schüler ihre Wut symbolisch die Toilette herunterspülen. Es gibt ganz unterschiedliche Methoden. Mit der Software „Besondere Kinder“  bekommen Lehrer sowie Schulleitungen Handlungsvorschläge und Anleitungen zum Umgang mit aggressiven Kindern. 

Gewalt gegen Lehrer ist kein Tabu-Thema mehr 

Als großen Erfolg feiert der VBE, dass das Thema Gewalt gegen Lehrer immer weniger als Tabu-Thema verstanden wird. Bei der ersten Umfrage des VBE gaben noch 58 % der Schulleitungen an, dass die Gewalt gegen Lehrer ein Tabu-Thema sei, 2020 waren es nur noch 30 %. Gerade die jüngeren Schulleiter sind eher bereit, die Problematik offen zu thematisieren.  

Bevor der VBE im Jahr 2016 mit den Umfragen angefangen hat, wurden gewalttätige Übergriffe gegenüber Lehrkräften als Einzelfälle abgetan. Die erhobenen Zahlen zeigen nun immer mehr das wahre Bild. An dieser Stelle setzen allerdings manche Kritiker an: Sie bemängeln, dass es keine wirkliche „Zunahme“ an Gewalt gegen Lehrer gibt, sondern dass sich nun mehr Lehrkräfte und Schulleitungen trauen darüber zu sprechen bzw. die Möglichkeit dazu bekommen. 

Woher kommt Gewalt gegen Lehrer?

Ob die Gewalt gegen Lehrer nun zunimmt oder nicht: Dass mehr als an der Hälfte der Schulen in Deutschland Gewalt von Schülern ausgeht, ist erschreckend. Doch woher kommt die Aggressivität? Zumindest im schulischen Bereich sieht der VBE das Umfeld, in dem die Schüler lernen müssen, als mögliche Ursache: 

„Die Bedingungen vor Ort stimmen einfach nicht. Zu viele Kinder in zu kleinen Klassen mit Lehrkräften, die alle individuell fordern und fördern sollen – und ganz nebenbei noch Medienkompetenz vermitteln, Konflikte klären und sonderpädagogische Förderung betreiben sollen. Das kann nicht funktionieren“, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des VBE. 

Nicht förderlich sei auch, dass viele Eltern und Schüler uneinsichtig und nicht kooperationswillig sind. Das führt dazu, dass es immer wieder zu solchem Fehlverhalten kommt. Bei der Konfliktlösung mit Eltern und Schülern und der Beratung von Lehrkräften unterstützt das Praxishandbuch „Schulische Sozialarbeit in der Praxis“ mit konkreten Praxistipps und Checklisten. 

VBE fordert mehr Unterstützung 

Jede dritte Schulleitung gibt an, dass sich das Schulministerium nicht ausreichend dem Thema annimmt. Jede vierte Schulleitung kritisiert, dass die Meldung von Gewalt gegen Lehrer zu bürokratisch und zeitaufwendig ist. 56 % der Schulleitungen berichten zudem, dass sie betroffene Kollegen nicht ausreichend unterstützen könnten, weil schlicht die Ressourcen fehlen.

Deswegen will der VBE nicht nur auf die Problematik aufmerksam machen, sondern zeigt auch Wege auf, wie Lehrkräfte und Schulleitungen bei der Bewältigung unterstützt werden könnten:

  • Unbürokratische Meldung von Gewalt gegen Lehrer und schnelle Hilfe nach einem Vorfall. 
  • Einsatz von speziell ausgebildetem Personal in Form von multiprofessionellen Teams an allen Schulen. Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen und weitere Fachkräfte sollen fest zum Schulpersonal gehören. 
  • Die Lehrkräfte selbst müssen besser vorbereitet werden, u. a. im Umgang mit Heterogenität und hinsichtlich ihres Verhaltens in Konfliktsituationen. Und das nicht nur in Form von Fortbildungen, sondern bereits in der Lehrkräfteausbildung. 
  • Es müssen regelmäßig Statistiken geführt und von den Kultusministerien veröffentlicht werden, um zunehmend für das Thema zu sensibilisieren. 

Wie Schulleitungen die Entwicklung eines schulspezifischen Konzepts zur Schulsozialarbeit gelingt, zeigt das Praxishandbuch „Schulsozialarbeit“.

Zusammenfassung der Umfrage-Ergebnisse im Video

Die Ergebnisse dieser Umfrage stellt der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann in einer Live-Schalte mit einer Tagesschau-Moderatorin im folgenden Video vor: 

Quelle des Videos: tagesschau, YouTube 

Quellen: VBE, tagesschau.de

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