Schneelast berechnen: Zonen, Dachneigung und Normen einfach erklärt

26.01.2026 | S. Horsch – Online-Redaktion, FORUM VERLAG HERKERT GMBH

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© Astrid Gast – stock.adobe.com

Ob Wohnhaus, Gewerbebau oder Carport – die richtige Schneelast ist ein entscheidender Faktor für die Standsicherheit von Dächern. Doch wie lässt sich Schneelast realistisch einschätzen, und welche Rolle spielen Schneelastzonen, Dachform, Dachneigung und geltende Normen? Dieser Fachbeitrag erklärt verständlich und praxisnah, wie Bauherren, Planer und Betreiber Schneelasten korrekt berechnen, typische Risiken erkennen und einschätzen können, wann eine statische Prüfung oder Schneeräumung notwendig wird.

Inhaltsverzeichnis

  1. Schneelast berechnen: Grundlagen, Normen und praxisnahe Anwendung
  2. Normen und Formel: Schneelast rechnerisch bestimmen
  3. Schneelast berechnen beim Flachdach
  4. Fazit: Schneelast berechnen heißt Verantwortung übernehmen

Schneelast berechnen: Grundlagen

Als Schnee wird Niederschlag bezeichnet, der aus Eiskristallen besteht. Im Bauwesen spielen Schneelasten, also Einwirkungen durch die Eigenlast von Schnee, für die Bemessung von Dächern und Dachtragwerken eine große Rolle, da sie zu den maßgeblichen veränderlichen Einwirkungen zählen.

Eine möglichst realistische Erfassung der Schneelasten durch geeignete Lastmodelle ist daher für die Bemessung des Tragwerks und seiner Bauteile erforderlich.

Die anzusetzende Schneelast auf Dächern ist von verschiedenen Einflussgrößen abhängig:

Neben den klimatischen Bedingungen am Bauwerksstandort, die im Wesentlichen durch die geografische Lage und die Höhe über dem Meer bestimmt werden (Schneeklima), beeinflussen zusätzlich verschiedene lokale Parameter die Schneelast auf dem Dach. Dies sind insbesondere

  • Dachform und -neigung,
  • Wärmedurchgang durch das Dach,
  • Reibung der Dachoberfläche, 
  • Umgebungsbedingungen (exponierte, geschützte Lage) 
  • Dauer und Häufigkeit von Tauperioden und
  • Verdunstungsvorgänge 

Kurze Tauperioden zwischen einzelnen Schneefallereignissen führen zu einer Akkumulation der Schneemasse auf dem Dach, während längere Tauphasen zum Abschmelzen des Schnees führen.

Auch plötzlich einsetzender Regen, der auf ein noch schneebedecktes Dach fällt, kann zu einer erheblichen zusätzlichen Belastung der Dachkonstruktion führen („Regenauf-Schnee-Zuschlag“). Dies liegt im Wesentlichen daran, dass sich die Schneedecke quasi mit dem Niederschlagswasser vollsaugt und dadurch das Dach zusätzlich zur Schneelast durch die Eigenlast des in der Schneedecke enthaltenen Niederschlagswasser belastet wird. Besonders bei verstopften oder vereisten Abläufen kann sich dieser Effekt verstärken und zu erheblichen Zusatzbelastungen für das Dach führen.

Außerdem ist zu beachten, dass Schnee durch Windeinwirkungen auf dem Dach verweht werden kann. Je nach Dachform und Dachaufbauten kann es zu örtlichen Schneeansammlungen kommen, die die Dachkonstruktion zusätzlich belasten.

→ Bei der Ermittlung der Schneelasten müssen Verwehungsvorgänge daher durch entsprechende Lastmodelle berücksichtigt werden. Schließlich kann Schnee von geneigten Dächern abrutschen und tiefer liegende Bauteile durch dynamische Lasten beanspruchen.

Größe und Verteilung der auf Dächern anzusetzenden Schneelasten ergeben sich somit aus dem komplexen Zusammenspiel von

  • einzelnen Schneefallereignissen,
  • Tauperioden sowie
  • Akkumulations- und Umverteilungsvorgängen durch Verwehung, Verfrachtung und Abrutschen (Schneelastkette).

Weitere Einflüsse ergeben sich durch mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf die anzusetzenden Schneelasten, zum Beispiel Auswirkungen durch das häufigere Auftreten von Extremwetterereignissen, zu denen auch plötzlich einsetzende Tauperioden mit Regenfällen gehören

Schneelastzonen in Deutschland als Grundlage der Berechnung

Zur Differenzierung regionaler Unterschiede beim Schneeklima ist Deutschland in drei Schneelastzonen (SLZ) eingeteilt:

  • Schneelastzone 1
  • Schneelastzone 2
  • Schneelastzone 3

Die Intensität der Schneelast nimmt mit zunehmender Nummer der SLZ zu: In SLZ 1 herrschen also geringere und in SLZ 3 höhere Schneelasten auf dem Boden.

Zusätzlich existiert in den Zonen 1 und 2 jeweils eine Unterzone (SLZ 1a, SLZ 2a). In diesen Unterzonen ist die Schneelast auf dem Boden 25 Prozent größer als in der zugehörigen Hauptzone, das heißt in SLZ 1a ist die Schneelast auf dem Boden 25 Prozent größer als in der SLZ 1.

Normen und Formel: Schneelast rechnerisch bestimmen

Für die Bestimmung von Schneelasten existieren mehrere Regelwerke. Auf internationaler Ebene existiert die ISO 4355 1, die zwar umfassende Regeln für die Ermittlung der Schneelasten auf Dächern enthält, aber keine Angaben zum lokalen Schneeklima vor Ort (also etwa in den einzelnen Ländern) macht.

Eine Anwendung dieser internationalen Norm ist in Deutschland für öffentlichrechtliche Nachweise nicht vorgesehen. Außerdem ist sie bauaufsichtlich nicht eingeführt und nicht in der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) aufgeführt.

→ Es wird aber dennoch empfohlen, die Norm bei Fragestellungen heranzuziehen, die in den bauaufsichtlich eingeführten Vorschriften nicht geregelt sind.

Für die Ermittlung von Schneelasten in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gilt die Normenreihe DIN EN 1991 „Einwirkungen auf Tragwerke“ (Eurocode 1). Schneelasten sind dort in Teil 1 bis 3 geregelt (DIN EN 1991-1-3). Zusätzlich gilt der jeweilige Nationale Anhang (NA), der nationale Festlegungen und landesspezifische Parameter enthält. In Deutschland ist DIN EN 1991-1-3:2010-12 3 zusammen mit dem zugehörigen Nationalen Anhang für Deutschland (DIN EN 1991-1-3/ NA: 2019-04 1) anzuwenden. Beide Normen sind zurzeit in allen Bundesländern bauaufsichtlich eingeführt und in die Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) aufgenommen.

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Schneelasten berechnen auf dem Dach

Für die Bemessung von Dachtragwerken und deren Bauteile wird die Schneelast auf dem Dach s benötigt. Diese ergibt sich aus der Schneelast auf dem Boden sk (beziehungsweise im Norddeutschen Tiefland aus sAd), den Formbeiwerten μi sowie gegebenenfalls einem Temperaturkoeffizient Ct und einem Umgebungskoeffizient Ce

s = μx Cx Cx sk

Es gilt:

s Schneelast auf dem Dach, in kN/ m2 (bezogen auf die Grundfläche)
μi Formbeiwert der Schneelast in Abhängigkeit von der Dachform und -neigung (dimensionslos)
Ce Umgebungskoeffizient; für Deutschland gilt: Ce = 1,0 (dimensionslos)
Ct Temperaturkoeffizient; für Deutschland gilt: Ct = 1,0 (dimensionslos)
sk charakteristischer Wert der Schneelast auf dem Boden, in kN/m2
→ Der Index „i“ steht als Platzhalter für den jeweiligen Anwendungsfall, da die Formbeiwerte durchnummeriert sind (zum Beispiel gilt für μfür Flachdächer, μfür Satteldächer und so weiter).

Deutschland ergibt sich im Regelfall für die Schneelast auf dem Dach

s = μi × sk

da die Koeffizienten Ct und Ce jeweils 1,0 betragen.

Formbeiwerte

Mit dem Formbeiwert m wird berücksichtigt, dass Schnee auf dem Dach in unterschiedlichen Lastanordnungen auftreten kann. Dabei wird in unverwehte und verwehte Schneelastverteilungen unterschieden. Der Formbeiwert m ist eine dimensionslose Größe, die das Verhältnis zwischen der Schneelast auf dem Dach s zur Schneelast auf dem Boden sk angibt (μ = s/sk). Die Formbeiwerte sind abhängig von folgenden Einflussparametern:

  • Dachform beziehungsweise Dachgeometrie
  • Dachneigung α

Schneelast berechnen: Bedeutung der Dachneigung

Die Dachneigung ist ein Schlüsselfaktor bei der Schneelastberechnung, da sie den Formbeiwert und damit die tatsächlich auf das Dach wirkende Last bestimmt.

Vereinfacht gilt:

  • bei geringen Dachneigungen bleibt Schnee weitgehend liegen
  • mit zunehmender Dachneigung nimmt die Schneelast ab
  • ab etwa 60° Dachneigung wird in vielen vereinfachten Ansätzen keine Schneelast mehr angesetzt

In der Praxis werden die maßgebenden Formbeiwerte aus den normativen Tabellen entnommen, die zwischen Flachdächern, Pultdächern, Satteldächern und Sonderformen unterscheiden.

Nachfolgend werden für Flachdach und Pultdach die Formbeiwerte und zugehörige Schneelastverteilungen angegeben.

Schneelast berechnen beim Flachdach

Für Flachdächer und Pultdächer wird der Formbeiwert μ1 verwendet (siehe Tabelle). Für Dächer mit großen Grundrissabmessungen gelten Sonderregelungen; siehe nächsten Abschnitt. Große Grundrissabmessungen liegen vor, wenn die kleinste Grundrissabmessung des Gebäudes mehr als 50 m beträgt.

Dachneigung α Formbeiwert μ1
Schnee kann ungeinhdert vom Dach abrutschen a) Schnee kann nicht ungehindert vom Dach abrutschen b)
0° ≤ α ≤ 30° μ1 = 0,8 μ1 = 0,8
30°< α < 60° μ1 = 0,8 x (60° - α)/30°
α ≥ 60° μ1 = 0

a) Die Formbeiwerte gelten, wenn der Schnee ungehindert vom Dach abrutschen kann.

b) Wird das Abrutschen behindert (zum Beispiel durch Schneefanggitter, Brüstungen), ist der Formbeiwert unabhängig von der Dachneigung mit μ1 = 0,8 anzusetzen.

Formbeiwert μ1 für Flachdächer und Pultdächer

Die Tabelle zeigt, dass für Flachdächer und geneigte Dächer bis zu einer Dachneigung von 30° der Formbeiwert μ1 = 0,8 beträgt. Das bedeutet, dass die anzusetzende Schneelast auf dem Dach nur das 0,8-Fache der Schneelast auf dem Boden beträgt.

Der Grund liegt darin, dass ein Teil des Schnees vom Dach heruntergeweht wird sowie schneller abtaut als auf dem Boden. Auf dem Dach ist daher eine geringere Schneelast anzusetzen als an gleicher Stelle auf dem Boden herrscht.

Für geneigte Dächer mit einer Dachneigung von mehr als 30° bis 60° nimmt der Formbeiwert linear von 0,8 (bei 30° Dachneigung) auf 0 (bei 60° Dachneigung) ab. Die Schneelast auf dem Dach nimmt ebenso ab. Grund hierfür ist, dass der Schnee bei steilen Dachflächen vom Dach abrutscht.

Eine Reduzierung des Formbeiwerts und damit der Schneelast bei Dachneigungen von mehr als 30° ist allerdings nur zulässig, wenn der Schnee ungehindert vom Dach abrutschen kann. Sofern das Abrutschen behindert wird, zum Beispiel durch Schneefanggitter, Aufkantungen, Brüstungen am Dachrand, muss für den Formbeiwert unabhängig von der Dachneigung μ1  = 0,8 angesetzt werden.

Bei Dächern mit einer Neigung von mehr als 60 ° beträgt der Formbeiwert μ1  = 0, das heißt, hier ist keine Schneelast anzusetzen. Voraussetzung ist auch hier, dass der Schnee vom Dach ungehindert abrutschen kann. Ansonsten ist μ1  = 0,8 anzusetzen.

Sonderfall: Schneelast messen statt nur berechnen

Ergänzend zur rechnerischen Ermittlung kann die tatsächliche Schneelast im Winter abgeschätzt werden. Dazu wird eine definierte Schneeprobe entnommen, gewogen und auf einen Quadratmeter hochgerechnet. Unter Berücksichtigung der Dichte unterschiedlicher Schneearten lassen sich Schneehöhe und Schneelast grob bestimmen.

Diese Methode hilft, kritische Situationen frühzeitig zu erkennen, ersetzt jedoch nicht die planerische Berechnung nach Norm.

Fazit: Schneelast berechnen heißt Verantwortung übernehmen

Schneelast sicher zu berechnen bedeutet, Schneelastzonen, Höhenlage, Dachform und Dachneigung normgerecht zu berücksichtigen und daraus die maßgebende Dachschneelast abzuleiten. Besonders bei Flachdächern und geringen Dachneigungen ist erhöhte Aufmerksamkeit erforderlich.

Online-Rechner und vereinfachte Formeln bieten eine gute Orientierung. Für die endgültige Auslegung von Dachkonstruktionen oder bei Änderungen am Gebäude sollte jedoch stets ein qualifizierter Statiker hinzugezogen werden, um die Standsicherheit langfristig zu gewährleisten.

Quellen: „Klimaanpassung an Gebäuden, Freiflächen sowie in der Stadt- und Landschaftsplanung“;