Mindern Quereinsteiger als Lehrer den Lehrermangel?

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Seit Jahren herrscht in Deutschland starker Lehrermangel, da nicht genug qualifizierte Lehrkräfte vorhanden sind. Um den Lehrermangel zu kompensieren, stellen Schulen immer häufiger Quereinsteiger als Lehrer ein. Laut Kultusministerkonferenz (KMK) waren im Jahr 2019 13,3 % der eingestellten Lehrkräfte in Deutschland Quereinsteiger. Allerdings verfügen diese i. d. R. nicht über dieselben Qualifikationen wie ihre Kolleginnen und Kollegen mit Lehramtsstudium. Der folgende Beitrag erläutert, welche Problematiken Schulen bei Quereinsteigern als Lehrer berücksichtigen müssen, um den Lehrermangel zu reduzieren.

Inhaltsverzeichnis

  1. Quereinsteiger als Lehrer: Herausforderungen für Schulen
  2. Quereinsteiger als Lehrer sollen Lehrermangel verringern
  3. Kritik an Quereinsteigern als Lehrer

Quereinsteiger als Lehrer: Herausforderungen für Schulen

Um gegen den immer stärkeren Lehrermangel anzukommen, beschäftigen Schulen bundesweit bereits heute immer mehr Quereinsteiger. Diese können den Personalmangel an Schulen auch teilweise ausgleichen. Um die Quereinsteiger jedoch als vollwertige Lehrkraft einsetzen zu können, müssen die Schulleitungen verschiedene Aspekte beachten, wenn sie Quereinsteiger als Lehrer einstellen möchten.

Quereinsteiger als Lehrer können Schulen belasten

Auch wenn Quereinsteiger als Lehrer die Schulen langfristig in ihrer täglichen Arbeit unterstützen, können sie vor allem zu Beginn ihres neuen Arbeitsverhältnisses eine zusätzliche Belastung für den Schulbetrieb darstellen. Folgende Probleme treten häufig in der Praxis auf:

  • Quereinsteiger brauchen zusätzliche Betreuung

Gerade am Anfang ihres Einsatzes können Quereinsteiger als Lehrer für zusätzliche Personalengpässe in den Schulen sorgen, da sie auf eine besondere Betreuung durch Ausbildungslehrer angewiesen sind. Für diesen zusätzlichen Betreuungsbedarf benötigen die Schulen ausgebildete Lehrkräfte, wohingegen es in einigen Ländern aufgrund des bereits herrschenden Lehrermangels gar nicht genug Ausbildungskräfte gibt.

  • Betreuungslehrer fehlen an anderer Stelle

Hat eine Schule genug Ausbildungs- bzw. Betreuungslehrer für die Quereinsteiger, müssen sie sich verstärkt um die Quereinsteiger kümmern und können so nur eingeschränkt als Lehrkraft in den Klassen tätig sein. Effektiv fehlen sie dann im regulären Unterrichtsbetrieb. Der allgemeine Lehrermangel erschwert die Betreuung der Quereinsteiger zusätzlich.

  • Disziplinprobleme und Beschwerden von Eltern

Schulen haben bei Quereinsteigern als Lehrer zu berücksichtigen, dass sich die neuen, unerfahrenen Lehrkräfte erst mit der Arbeit im Schulsystem und den damit verbundenen Aufgaben wie der Elternarbeit vertraut machen müssen. Dadurch kann es häufiger zu Disziplinproblemen und Elternbeschwerden kommen, da ihnen oft, im Gegensatz zu langjährigen Pädagogen, Erfahrungen beim Arbeiten im Schulwesen oder bei der Arbeit mit Kindern fehlen. Die Schulleitungen dürfen diese Problematik nicht vernachlässigen, wenn sie Quereinsteiger als Lehrer einstellen wollen. Sonst kann das im schlimmsten Fall Zeit und Mehraufwand kosten.

  • Konflikte im Kollegium und Integration

Aufgrund der fehlenden Erfahrung im Umgang mit Kindern und dem Arbeiten in einer Schule fällt es Quereinsteigern ggf. schwerer, als Lehrkraft in einer Schule Fuß zu fassen. Ihnen ist das generelle Schulleben noch fremd, da wesentliche Praxiserfahrungen fehlen, die sie erst mit Beginn der Arbeit als Lehrkraft sammeln. Es ist denkbar, dass es dadurch zu größeren Spannungen oder Konflikten innerhalb des Kollegiums kommt. Beispielsweise kann es vorkommen, dass sich die Quereinsteiger von erfahrenen Lehrkräften nicht ernst genommen fühlen. Die Schulleitung sollte diese Entwicklungen genau beobachten und ggf. dagegen vorgehen.

Quereinsteigern fehlen Kompetenzen als Lehrkräfte

Ein weiterer Faktor, den die Schulleitungen bei der Einstellung von Quereinsteigern als Lehrer beachten sollten, sind die verschiedenen beruflichen Qualifikationen der Quereinsteiger im Vergleich zu Referendaren mit vorausgehendem Lehramtsstudium. Die meisten Quereinsteiger besitzen i. d. R. nicht die gleichen Kompetenzen wie ihre Kolleginnen und Kollegen, die zuvor Lehramt studiert haben. Quereinsteigern fehlt daher häufig das erforderliche Fachwissen und die Expertise, die studierte Lehrkräfte bereits während ihres Studiums erlangen. Vor allem pädagogische Kompetenzen sind relevant, da diese den Grundstein für ein erfolgreiches Arbeiten mit den Schülerinnen und Schülern bilden.

Um dennoch als vollwertige Lehrkraft in der Schule arbeiten zu können, hat die Schulleitung dafür zu sorgen, dass die Quereinsteiger ihre erforderlichen Kompetenzen auf anderem Weg als durch ein Lehramtsstudium erlangen. In der Regel müssen Quereinsteiger als Lehrer vor dem Einsatz in der Schule entsprechende Weiterbildungen absolvieren.

Keine bundesweiten Vorgaben zur Weiterbildung von Quereinsteigern als Lehrer

Derzeit gibt es noch keine bundesweit verbindlichen Standards bei der Aus- und Weiterbildung von Quereinsteigern als Lehrer. Daher gehen die Schulen der Länder bei der Einarbeitung von Quereinsteigern unterschiedlich vor. So werden etwa Quereinsteiger in Berlin bereits nach einem einwöchigen Pädagogik-Crashkurs zum Referendariat zugelassen. Anschließend erfolgt weitere Betreuung parallel zum Vorbereitungsdienst. In Nordrhein-Westfalen durchläuft man ebenfalls nicht nur nach dem Lehramtsstudium ein Referendariat. Das Land ermöglicht auch Quereinsteigern als Lehrer,ein 18 Monate andauerndes Referendariat zu absolvieren, welches die fehlenden pädagogischen Kompetenzen vermitteln soll.

Unabhängig  von der Vorgehensweise der einzelnen Länder ist das Einarbeiten der Quereinsteiger als Lehrer für jede Schule zeitintensiv und aufwendig. Gleichzeitig benötigen die Schulleitungen Messwerte, mit denen sie die erlernten Kompetenzen der Quereinsteiger nachweisen und beurteilen können. Die Software „Dienstliche Beurteilungen und Leistungsberichte in der Schule schnell und sicher erstellen“ hilft Schulleitungen anhand fertiger Textbausteine, Beurteilungen für Referendare zu erstellen. Damit bietet die Software für Schulleitungen die benötigten und konkreten Messwerte, um auch die Arbeit der eingesetzten Quereinsteiger einschätzen zu können.

Geringere Akzeptanz von Quereinsteigern in der Schule

Neben der erforderlichen Einarbeitung und Weiterbildung müssen die Schulen berücksichtigen, dass Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern den Quereinsteigern ggf. weniger Akzeptanz entgegenbringen im Vergleich zu Lehrkräften mit Lehramtsstudium. Ein Grund dafür kann sein, dass Quereinsteiger selbst nach langwieriger Einarbeitung als unzureichend qualifizierte Lehrkräfte wahrgenommen werden. 

Fehlt den Quereinsteigern der angebrachte Respekt, kann das die Eingliederung ins Kollegium erschweren. Ebenso ist es für Quereinsteiger noch schwieriger, sich in den Klassen durchzusetzen. In Folgekann es zu Beschwerden der Eltern kommen, in welchen sie studierte Lehrkräfte für ihre Kinder fordern. Auch mit dieser Problematik muss die Schulleitung so umgehen, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Quereinsteigern möglich ist.

Quereinsteiger als Lehrer sollen Lehrermangel verringern

Trotz der vielen Herausforderungen, die das Beschäftigen von Quereinsteigern als Lehrer für die Schulen birgt, hat es einen entscheidenden Vorteil: Quereinsteiger können den akuten Lehrermangel in den Schulen reduzieren.

Besonders Pensionierungen von Lehrkräften sowie steigende Geburtenzahlen und Zuwanderung verstärken den bundesweiten Lehrermangel. Laut der Bertelsmann-Stiftung wird sich diese Tendenz in den kommenden Jahren noch weiter verschlimmern. Demnach sollen bis 2025 alleine in Grundschulen mindestens 26.300 Lehrstellen unbesetzt sein. Durch die fehlenden Lehrkräfte steigt die Anzahl an ausfallenden Unterrichtsstunden, es fällt mehr Arbeit für die angestellten Lehrkräfte an und es entsteht zusätzlicher organisatorischer Aufwand für die Schulleitungen. Genau deshalb ist das Interesse und der dringende Bedarf an der Qualifizierung von Quereinsteigern in den letzten Jahren immer weiter gestiegen.

Je nach Bundesland kommen bereits unterschiedlich viele Quereinsteiger als Lehrer zum Einsatz. Laut KMK sind z. B. in Sachsen 2018 mehr als die Hälfte aller neu eingestellten Lehrkräfte (50,2 %) Quereinsteiger gewesen.

Corona verschärft Lehrermangel an Schulen

Neben dem allgemeinen Lehrermangel kommt für Schulen erschwerend die aktuelle Corona-Krise hinzu. Vor allem in Schulen ist COVID-19 ein wichtiges Thema, da hier viele Menschen auf engstem Raum zusammen lernen und arbeiten. Außerdem fallen durch die Corona-Krise einige Lehrkräfte weg, die z. B. zu einer Risikogruppe zählen und deshalb nicht mehr aktiv in der Schule arbeiten können. Das verstärkt den Lehrermangel zusätzlich.

Darüber hinaus kann die Corona-Krise für zusätzlichen Aufwand sorgen, da die Schulen neben der Wiederaufnahme des Regelbetriebs und der Bekämpfung des Lehrermangels auch die geltenden Infektionsschutzvorgaben einhalten müssen. So haben die Schulleitungen aktuell z. B. Gefährdungsbeurteilungen für ihre Schule zu erstellen und die aktuellen Hygienemaßnahmen umzusetzen.

Kritik an Quereinsteigern als Lehrer

Quereinsteiger als Lehrer können den Lehrermangel an Schulen in Deutschland verringern und so das Schulsystem entlasten. Trotzdem kritisieren verschiedene Instanzen den Einsatz von Personen ohne Lehramtsstudium als Lehrkräfte.

Unzureichende Qualifikation der Quereinsteiger

Ein häufig genannter Kritikpunkt ist die fachliche Kompetenz der Quereinsteiger als Lehrer. Hierzu bemängelt z. B. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, dass die Qualifikation der Quereinsteiger oft unzureichend sei und es keine qualitätssichernden Vorgaben hierzu gäbe.

Dirk Richter, Erziehungswissenschaftler der Universität Potsdam, erhebt ebenfalls Kritik an den uneinheitlichen Standards zur Qualifizierung von Quereinsteigern als Lehrer. Außerdem betont er, dass der Lehrermangel mittlerweile so groß sei, dass er die Anforderungen an zukünftige Lehrkräfte immer weiter reduziere, damit mehr potenzielle Lehrkräfte gefunden werden würden. Das kann jedoch zur Folge haben, dass die Anforderungen an Quereinsteiger als Lehrer immer geringer werden.

Ungleiche Lernchancen für Schülerinnen und Schüler

Durch die teils unzureichenden und verschiedenen Qualifikationen bzw. Kompetenzen der Quereinsteiger als Lehrer erfahren die Schülerinnen und Schüler ggf. unterschiedliche Lernchancen im Unterricht. Laut Dirk Zorn, Bildungsforscher der Bertelsmann-Stiftung, seien Quereinsteiger als Lehrer z. B. in Brennpunktschulen eher ungeeignet im Vergleich zu den Lehrkräften mit Lehramtsstudium. Gerade in diesen Schulen sei jedoch unbedingt geschultes Fachpersonal notwendig, das die hierfür erforderlichen pädagogischen Kompetenzen besitze.

Auch hier kann die unterschiedliche Qualifikation der Quereinsteiger als Lehrer zu ungleichen Lernchancen für die Schülerinnen und Schüler führen, da gerade in Brennpunktschulen besonderer Förderbedarf erforderlich sein kann, den Quereinsteiger ggf. noch nicht ausreichend diagnostizieren und erfüllen können.

Quellen: Forum Verlag Herkert GmbH, Kultusministerkonferenz, deutschlandfunk.de, welt.de, tagesschau.de

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