Zivilisationskrankheiten auf dem Vormarsch: Krankheiten und Hintergründe im Überblick

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Zivilisationskrankheiten zeichneten sich stets durch eine gewisse Wandlungsfähigkeit aus. Waren es im Altertum insbesondere Mangelerscheinungen wie Skorbut, gestalten sich die typischen Zivilisationskrankheiten der Moderne oft ganz anders und auch vielseitiger aus. Das Interessante daran: Damals wie heute spielen Ernährungsgewohnheiten als Ursache für die Entstehung vieler Zivilisationskrankheiten eine entscheidende Rolle. Der Rest ist heutzutage meist Ausdruck einer bis zum Exzess ausgelebten Wohlstandsgesellschaft. Doch was sind Zivilisationskrankheiten überhaupt per Definition und warum sind sie heute so zahlreich wie nie zuvor? Ein paar Antworten.

Zivilisationskrankheit ist kein medizinischer Begriff

Auch wenn es sich bei Zivilisationskrankheiten um sehr reale Krankheitsbilder handelt, stellt der Begriff keine offizielle Klassifikation aus der Medizin dar. Im Volksmund werden damit aber Krankheiten beschrieben, die augenscheinlich direkt mit der Lebensweise des Menschen in einer Zivilisationsgesellschaft verbunden sind. Zu diesen Faktoren moderner Lebensweise zählen unter andere

  • Ernährungsfaktoren
  • Bewegungsgewohnheiten
  • psychische Alltagsfaktoren
  • Umweltfaktoren

Die Definition ist jedoch unzureichend, denn geht man nach Zivilisationsstandards, müssten auch Aspekte wie Infrastruktur und Hygiene diskutiert werden. Hier wird die Abgrenzung zu Volkskrankheiten und Infektionen jedoch schwer. Gerade mit Blick auf die Ausbreitung von Covid-19 stellt sich beispielsweise die Frage, ob die dadurch verursachte Pandemie nicht maßgeblich zivilisatorischen Alltagsfaktoren wie der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder dem Personenkontakt am Arbeitsplatz und in Geschäften geschuldet ist. Ebenso wäre die vermehrte Entstehung multiresistenter Keime ohne entsprechende Zivilisationsfaktoren kaum möglich. Denn die Resistenz von Keimen entsteht letztendlich durch einen übermäßigen Einsatz von künstlichen Antibiotika, die als Produkt der Pharmazie das Resultat modernen Zivilisationsgeschehens sind.

Kurzum: Was genau als Zivilisationskrankheit definiert werden kann, lässt sich nicht eindeutig festlegen. Dennoch gibt es ein paar typische Krankheitsbilder, die immer wieder unter diesem Begriff zusammengefasst werden.

Moderne Zivilisationskrankheiten als Folge der Ernährung

Zivilisationskrankheiten werden im Volksmund auch gerne als Wohlstandskrankheiten bezeichnet. Der Grund: Viele dieser Krankheiten resultieren aus dem Alltagsverhalten unserer modernen Konsumgesellschaft. Das stetige Leben im Überfluss hat uns bequemlich und krankheitsanfällig gemacht. Paradebeispiel ist unser Ernährungsverhalten. Fettleibigkeit als Volkskrankheit, die immer öfter auch Jugendliche betrifft, gab es früher nicht. Die Durchschnittsbevölkerung konnte sich den berüchtigten Wohlstandsbauch schlichtweg nicht leisten. Außerdem gab es bei weitem weniger Kalorienbomben, die heutzutage hauptsächlich von künstlichen Lebensmitteln mit unnatürlichen Nährstoffprofilen gestellt werden. Sie erhöhen neben Übergewicht auch das Risiko ganz anderer Volkskrankheiten.

  • Allergien
  • Arteriosklerose
  • Bluthochdruck
  • Karies
  • Leberschäden
  • Stoffwechselkrankheiten

Die Gesundheitsfolgen moderner Ernährung haben viele Gesichter. Insbesondere die steigende Fallzahl von Diabetes als Zivilisationskrankheit bereitet Medizinern dabei große Sorgen. Typischerweise herrschte von dieser, in zwei Varianten vorkommenden Krankheit [Werbelink], eine deutlich vor: Typ II Diabetes, die sogenannte Altersdiabetes, da sie vornehmlich ältere Menschen betraf und betrifft. Mittlerweile jedoch hat sich das Blatt gewendet, der zuvor vergleichsweise seltene Typ I betrifft immer mehr Menschen. Denn wer viel Zucker isst, provoziert eine erhöhte Insulinproduktion im Körper. Der dauerhaft hohe Insulinspiegel wiederum begünstigt die Entstehung von Insulinresistenzen, die als Wegbereiter von Diabetes Typ 2 bekannt sind.

Während die Fallzahlen steigen, sinkt das Erkrankungsalter bei Diabetes kontinuierlich ab. Immer mehr Kinder erkranken heutzutage an der Zuckerkrankheit und zeigen damit auf, dass ungesundes Essverhalten oftmals Erziehungssache ist.

Auch ein Übermaß an Zusatzstoffen in der Nahrung leistet zahlreichen Zivilisationskrankheiten der Moderne Vorschub. Zu nennen wären hier vor allem Lebensmittelallergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Sie basieren meist auf Abwehrreaktionen des Körpers gegen Inhaltsstoffe wie Gluten, Laktose, Saccharose oder Fructose. Diese kommen zwar allesamt natürlich in pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln vor, sind heutzutage aber nicht selten in unnatürlich hoher Konzentration in weiterverarbeiteten Produkten wie Säften, Mehlspeisen, Fastfood und Süßigkeiten enthalten. Ähnlich wie bei erhöhter Zuckerzufuhr und Diabetes begünstigt eine Überdosis der genannten Lebensmittelzusätze Fehlreaktionen des Körpers, was folglich zu allergischen Reaktionen und Unverträglichkeiten führt.

Umweltgifte und Schadstoffe als Krankheitsursache oft unterschätzt

Manche Allergien entstehen nicht nur Lebensmittelinhaltsstoffe, sondern durch Schadstoffe. Selbst Asthma lässt sich mit einer ungesunden Schadstoffbelastung in Verbindung bringen. Manche reagieren sogar auf bestimmte Reinigungs- und Desinfektionsmittel mit Abwehrreaktionen und entwickeln in Folge Hautkrankheiten wie Neurodermitis. Auslöser sind in fast allen Fällen Abwehrreaktionen und Störungen des Immunsystems, das auf eine anhaltende Schadstoffbelastung nur allzu leicht mit Fehlfunktionen und Autoimmunerkrankungen antwortet.

Auch Körperzellen spielen unter dem Einfluss von Schadstoffen gerne verrückt. Bestens bekannt ist in diesem Zusammenhang Lungenkrebs als Folge langjährigen Zigarettenkonsums. Die Giftstoffe in Zigaretten bewirken in vielen Fällen eine tiefgreifende Veränderung der Lungenzellen, die anschließend entarten und so die Krebserkrankung in Gang setzen.

Bürokrankheiten sind Zivilisationskrankheiten

Viel zu selten als Zivilisationskrankheiten genannt werden Haltungsschäden und Sehschwächen. Beide Krankheitsbilder entstehen heutzutage immer öfter durch das dauerhafte Arbeiten am Bildschirm. In Kombination mit mangelnder Bewegung sorgt die sitzgebundene Office Tätigkeit zum Beispiel häufig für eine krumme Wirbelsäule, Muskelverkürzungen im Nackenbereich sowie hartnäckige Verspannungen und Nackenschmerzen. Die Nähe der Augen zum Bildschirm schränkt hingegen die Sehfähigkeit ein, die sich in Folge an die Nahdarstellung von Objekten gewöhnen. Gleiches gilt im Übrigen für intensives PC-Gaming und ausgelassene TV-Sessions vor dem Flatscreen.

Sind Infektionskrankheiten Zivilisationskrankheiten?

Dass klassische Infektionskrankheiten wie Grippe häufig Ursache mangelnder Hygiene sind, ist den meisten bekannt. Doch wie sieht es mit der Einstufung von Infektionen als Zivilisationskrankheiten aus? Wäre eine solche Zuordnung zumindest in manchen Fällen legitim? Wie schwierig es ist, insbesondere Infektionskrankheiten vom Begriff der Zivilisationskrankheiten abzugrenzen, zeigen zahlreiche Intimkrankheiten auf. Sie werden normalerweise von Infektionserregern ausgelöst, die sich primär durch Geschlechtsverkehr von einer Person zur anderen übertragen.

Schon in früheren Jahrhunderten war der Beitrag der Zivilisationsgesellschaft zur Ausbreitung und Entstehung von Geschlechtskrankheiten immer wieder Gegenstand fachmedizinischer Diskussionen. Beispielsweise argumentierten zahlreiche Mediziner im 19. Jahrhundert, dass die im Mittelalter sehr ausgeprägte Ausbreitung der Syphilis nicht zuletzt einer außergewöhnlich guten Anpassung des Krankheitserregers an das moderne Sexualverhalten des Gesellschaftstiers Mensch geschuldet sei. Der Begriff der Syphilisation [Werbelink] als Anlehnung an das Potenzial der venerischen Krankheit zur Zivilisationskrankheit machte damals international die Runde.

Und auch die Ausbreitung moderner Geschlechtskrankheiten wie HIV und AIDS lässt sich maßgeblich auf zivilisatorische Wirtsbewegungen zurückführen. Die globale Verbreitung ereignete sich hier ähnlich wie bei der mittelalterlichen Pest, den Ebola Epidemien der letzten Jahrzehnte und der Corona Pandemie vorwiegen in Ballungszentren von Zivilisationsstätten. Demnach begünstigen Großstädte die Vermehrung und Verbreitung von Infektionskeimen enorm. Ein Geschehen, das sich zweifelsohne als Zivilisationsfaktor beschreiben lässt. Im Grunde müsste man also Infektionskrankheiten, die überwiegend in Siedlungsräumen der menschlichen Zivilisation grassieren, ebenfalls als Zivilisationskrankheiten bezeichnet werden.

Ein wachsendes Zivilisationsproblem: psychische Krankheiten

Nun müssen Zivilisationskrankheiten nicht immer physischer Natur sein. Immer öfter beobachten Ärzte nämlich eine durch das Leben in einer modernen Gesellschaft beförderte psychische und seelische Erkrankungen. Burnout als Folge eines stressreichen Berufsalltags ist hier nur eines von vielen Beispielen. Mit großer Besorgnis beobachten Experten daneben eine Zunahme depressiver und narzisstischer Störungen. In beiden Fällen wird die Unpersönlichkeit modernen Kommunikationsverhaltens als Hauptursache vermutet. Social Media Plattformen und Online Kommunikation haben hieran einen nicht unbedeutenden Anteil. Verschiedene Studien förderten in den letzten Jahren zu Tage, dass Nutzer sozialer Plattformen immer mehr vereinsamen, obwohl die Welt dank der plattformbasieren Kommunikation eigentlich näher zusammenrückt.

Das Problem daran: Interaktionen auf Social Media bleiben häufig auf Likes und Kommentare reduziert. Man spricht nicht mehr von Angesicht zu Angesicht und formt eine zwischenmenschliche Verbundenheit durch tiefgründige Gespräche. Stattdessen geht es darum, für andere interessanten Content zu produzieren, um dafür positives Feedback zu erhalten. Dieses Feedback schnellt zumeist bei Selfies exponentiell in die Höhe. Selbstportraits, Modelfotos und kosmetische Gesichtsmodifikationen erhalten online also deutlich mehr Aufmerksamkeit als andere Inhalte. Das führt nicht nur zu einem überzogenen Personenkult um entsprechende Influencer, sondern auch zu einer steigenden Fixierung von Nutzern auf die eigene Person.

Das hohe Risiko von Narzissmus auf sozialen Plattformen [Werbelink] haben schon zahlreiche Sozial- und Medienforscher erkannt. Sie warnen vor gesellschaftlichen Entwicklungen, die gesundes Kommunikationsverhalten oberflächlichen Interaktionen und egoistischen Denkstrukturen opfern. Kollektive Persönlichkeitsstörung durch digitale Kommunikation? Ein Fall für die Liste der Zivilisationskrankheiten wäre es auf jeden Fall.


Gastautor: Tobias Dietrich

Tobias Dietrich ist Ernährungswissenschaftler und als selbständiger Berater tätig. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Untersuchung von Lebensumständen und der Entwicklung passender Ernährungskonzepte.


 

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