Seltene Erden und die Energiewende: Lieferketten-Risiken, Critical Raw Materials Act und Lösungsstrategien
10.04.2026 | S. Horsch – Online-Redaktion, FORUM VERLAG HERKERT GMBH
Seltene Erden sind unverzichtbar für Energiewende und Hightech – und zugleich ein geopolitischer Engpass. Der Beitrag beleuchtet ihre Rolle in Schlüsseltechnologien, Chinas Marktdominanz sowie Europas Abhängigkeit. Im Fokus stehen zudem der Critical Raw Materials Act (CRMA) als strategische Antwort der EU, neue Förderprojekte und Risiken entlang der globalen Lieferketten.
Inhaltsverzeichnis
- Was sind Seltene Erden? Das Periodensystem der Abhängigkeit
- Chinas Monopol bei Seltenen Erden und die globale Kritikalität
- Seltene Erden aus dem Westen
- Critical Raw Materials Act: Europas Antwort auf die Versorgungskrise bei Seltenen Erden
- Lieferketten-Risiken bei Seltenen Erden: Myanmar als Brennpunkt
- Permanentmagnete aus Seltenen Erden: Ermöglichen sie die Energiewende?
- Fazit und Ausblick: Europa zwischen Autonomie und Realität bei Seltenen Erden
- FAQ: Häufige Fragen zu Seltenen Erden
Was sind Seltene Erden? Das Periodensystem der Abhängigkeit
Trotz ihres Namens sind Seltene Erden keineswegs rar. Der Begriff stammt aus dem 18. Jahrhundert, als Forscher diese Elemente erstmals entdeckten und für selten hielten. Tatsächlich kommt Cer, das häufigste Element dieser Gruppe, in der Erdkruste öfter vor als Blei oder Arsen. Die wahre Seltenheit der Seltenen Erden liegt in ihrer wirtschaftlichen Gewinnbarkeit.
Zu den Lanthanoiden – der wissenschaftlich korrekten Bezeichnung für Seltene Erden – gehören 15 Elemente:
- Lanthan,
- Cer,
- Praseodym,
- Neodym,
- Promethium,
- Samarium,
- Europium,
- Gadolinium,
- Terbium,
- Dysprosium,
- Holmium,
- Erbium,
- Thulium,
- Ytterbium und
- Lutetium.
Gemeinsam mit Scandium und Yttrium bilden sie die Gruppe der Seltenerdmetalle.
Diese Elemente werden nach ihrer Atommasse in leichte Seltene Erden (Lanthan bis Gadolinium) und schwere Seltene Erden (Terbium bis Lutetium) unterteilt – eine Unterscheidung mit großen geopolitischen Implikationen.
Die besonderen magnetischen und elektronischen Eigenschaften dieser Metalle machen Seltene Erden unverzichtbar für moderne Technologien.
Ein einziges Elektroauto benötigt beispielsweise zwei Kilogramm Neodym-Magnete für seine Elektromotoren. Eine Offshore-Windkraftanlage enthält über 500 Kilogramm dieser Permanentmagnete. Ohne Dysprosium würden diese Magnete bei den hohen Betriebstemperaturen von Elektromotoren ihre Leistungsfähigkeit verlieren.
Smartphones, Drohnen, LED-Beleuchtung und Bildschirme – kaum eine Zukunftstechnologie kommt ohne Seltene Erden aus.
Chinas Monopol bei Seltenen Erden und die globale Kritikalität
China kontrolliert etwa 65 bis 70 Prozent der weltweiten Förderung von Seltenen Erden und rund 90 Prozent der Weiterverarbeitung. Bei schweren Seltenen Erden wie Dysprosium und Terbium liegt der Verarbeitungsanteil bei nahezu 100 Prozent – das Ergebnis jahrzehntelanger strategischer Industriepolitik seit den 1980er Jahren unter Deng Xiaoping.
Im April 2025 verschärfte China seine Exportkontrollen für sieben Seltenerdmetalle: Von 141 Anträgen wurden laut Europäischer Handelskammer nur 19 genehmigt, für September 2025 meldeten Unternehmen bereits 46 Produktionsstopps. Am 9. Oktober 2025 weitete China die Kontrollen auf fünf weitere Elemente aus – diese Erweiterung wurde jedoch vorerst ausgesetzt. Seltene Erden sind Machtinstrumente.
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Seltene Erden aus dem Westen
Die Suche nach Alternativen zu chinesischen Seltenen Erden führt zu zwei Projekten:
1. Mountain Pass in den USA und
2. Kiruna in Schweden.
Die Mountain Pass Mine in Kalifornien, etwa 85 Kilometer südwestlich von Las Vegas, ist die einzige aktive Seltenerd-Mine der USA. Die Lagerstätte wurde 1949 zufällig entdeckt – Prospektoren suchten nach Uran und fanden stattdessen Bastnäsit, ein seltenerdhaltiges Mineral.
Zwischen den 1960er und 1990er Jahren lieferte Mountain Pass 70 Prozent der weltweiten Seltenerd-Produktion. Doch billiges Angebot aus China und Umweltprobleme führten 2002 zur Schließung. Nach der Übernahme durch MP Materials 2017 wurde die Förderung von Seltenen Erden schrittweise wieder aufgenommen. 2020 deckte die Mine bereits 15,8 Prozent der globalen Produktion ab. Im Juli 2025 beteiligte sich das US-Verteidigungsministerium mit einer Kapitaleinlage von 400 Millionen Dollar an MP Materials zum Ausbau der Verarbeitung schwerer Seltener Erden.
Im Januar 2023 verkündete Schweden die Entdeckung von Europas größter Lagerstätte für Seltene Erden nahe Kiruna. Die Per Geijer genannte Lagerstätte enthält nach Angaben des Schwedischen Bergbauunternehmens LKAB über eine Million Tonnen Seltenerd-Oxide – etwa die Hälfte der bekannten US-Reserven. Allerdings handelt es sich vorwiegend um leichte Seltene Erden wie Lanthan, Cer und Neodym. Der Abbau soll als Nebenprodukt der bestehenden Eisenerzförderung erfolgen, wodurch die Kosten deutlich sinken.
Doch bis zur Produktion von Seltenen Erden in Kiruna ist es ein weiter Weg. LKAB rechnet mit mindestens zehn bis 15 Jahren bis zum kommerziellen Abbau. Strenge Umweltauflagen, langwierige Genehmigungsverfahren und fehlende Verarbeitungskapazitäten in Europa bleiben Hürden. Ohne Aufbau einer europäischen Raffinerie-Infrastruktur bleibt auch Kiruna nur ein Hoffnungsschimmer.
Critical Raw Materials Act: Europas Antwort auf die Versorgungskrise bei Seltenen Erden
Am 23. Mai 2024 trat der Critical Raw Materials Act (CRMA) in Kraft – rund 14 Monate nach dem ersten Vorschlag der EU-Kommission vom 16. März 2023. Diese Geschwindigkeit zeigt die Dringlichkeit: Europa erkennt, dass ohne sichere Versorgung mit Seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen weder Klimaziele noch technologische Souveränität erreichbar sind.
Der CRMA definiert 34 kritische Rohstoffe, von denen 17 als strategisch eingestuft werden. Für strategische Rohstoffe – darunter alle Seltenen Erden – setzt die Verordnung ambitionierte Benchmarks für 2030:
- 10 Prozent des EU-Jahresbedarfs an Seltenen Erden sollen aus eigener Förderung stammen
- 40 Prozent aus europäischer Verarbeitung
- 25 Prozent aus Recycling (ursprünglich 15 Prozent)
- Höchstens 65 Prozent eines strategischen Rohstoffs wie Seltene Erden dürfen aus einem einzigen Drittstaat bezogen werden.
Diese Ziele sind ehrgeizig. Aktuell liegt Europas Abhängigkeit bei schweren Seltenen Erden bei 100 Prozent aus China. Die Deutsche Rohstoffagentur prognostiziert bis 2030 eine Versechsfachung des EU-Bedarfs an Seltenerdmetallen, bis 2050 sogar eine Versiebenfachung. Für Neodym und Praseodym könnte die Nachfrage bis 2040 auf 227 Prozent der Primärproduktion von 2018 steigen.
Lieferketten-Risiken bei Seltenen Erden: Myanmar als Brennpunkt
Ein weiteres Risiko für die Versorgung mit Seltenen Erden liegt in Myanmar. Das krisengeschüttelte Land ist weltweit führend bei schweren Seltenen Erden: Etwa 57 Prozent der globalen Dysprosium- und Terbium-Produktion stammen aus Myanmar. China importierte 2023 rund 41.700 Tonnen dieser kritischen Rohstoffe aus Myanmar – mehr als das Doppelte der eigenen Förderung.
Seit dem Militärputsch im Februar 2021 ist der Abbau von Seltenen Erden massiv ausgeweitet worden. In der mineralreichen Kachin-Region stieg die Zahl der Minen von einer Handvoll im Jahr 2016 auf 2.700 bis März 2022. Die United Wa State Army (UWSA), eine mit China verbündete Miliz, kontrolliert weite Teile des Abbaus. Mindestens 100 Arbeiter fördern Tag und Nacht in den Hügeln von Shan-Staat unter kaum regulierten Bedingungen.
Der Preis ist verheerend: Chemikalien verseuchen Flüsse, Böden und Grundwasser. Lokale Gemeinschaften verlieren ihre Lebensgrundlagen, während Einnahmen die Kriegsmaschinerie der Militärjunta finanzieren. Die katholische Kirche in Myanmar protestiert gegen die Umweltzerstörung beim Abbau Seltener Erden, doch die Förderung läuft weiter.
Anfang 2025 übernahm die Kachin Independence Army (KIA), eine Rebellengruppe, die Kontrolle über wichtige Abbauzentren für Seltene Erden. Seither liegt die Förderung teilweise brach.
Permanentmagnete aus Seltenen Erden: Ermöglichen sie die Energiewende?
Der Schlüssel zur Energiewende liegt in Permanentmagneten aus Seltenen Erden – besonders in Neodym-Eisen-Bor-Magneten (NdFeB). Diese Magnete zeichnen sich durch außergewöhnliche Feldstärke und Zuverlässigkeit aus. In Elektromotoren ermöglichen sie Wirkungsgrade von über 94 Prozent. Ein um zwei Prozent effizienterer Permanentmagnet aus Seltenen Erden in einem Elektromotor führt zu 20 Kilometern mehr Reichweite beim Elektroauto.
Permanentmagnete bestehen typischerweise aus 28 bis 33 Gewichtsprozent Seltenerdelementen. Die Hauptkomponenten sind Neodym (Nd) und Praseodym (Pr), die in der Regel als PrNd-Mischmetall gehandelt werden. Für höhere Temperaturen und Koerzitivfeldstärken werden schwere Seltene Erden wie Dysprosium (Dy) und Terbium (Tb) zugesetzt. Diese machen Magnete erst für anspruchsvolle Anwendungen wie Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen geeignet.
Die Preisentwicklung bei Seltenen Erden ist volatil. Im November 2021 überstieg der Preis für PrNd-Metall eine Million RMB pro Tonne – ein Niveau, das zuletzt 2011 erreicht wurde. Nach Chinas neuen Exportkontrollen im April 2025 sprang der Benchmark-Preis für NdPr-Legierungen von 545.000 auf 635.000 RMB pro Tonne. Im Oktober 2025 lag der Neodym-Preis bei 695.000 RMB pro Tonne – 30,39 Prozent höher als ein Jahr zuvor.
Die Abhängigkeit von Permanentmagneten aus Seltenen Erden durchzieht alle Sektoren der Energiewende. Bei getriebelosen Direktantrieben ist die Menge an Seltenen Erden bis zu zehnmal höher als bei konventionellen Antriebssträngen. Auch Elektrofahrzeuge setzen primär auf permanenterregte Synchronmotoren (PSM). Tesla, Porsche und die meisten chinesischen Hersteller nutzen PSM wegen ihrer überragenden Effizienz.
Fazit und Ausblick: Europa zwischen Autonomie und Realität bei Seltenen Erden
Europa steht bei der Versorgung mit Seltenen Erden an einem Scheideweg. Der Critical Raw Materials Act ist ein wichtiger Schritt – doch die Ziele für 2030 erscheinen angesichts der Realität ambitioniert. Zehn Prozent eigene Förderung bei aktuell nahezu null? Vierzig Prozent europäische Verarbeitung von Seltenen Erden, wenn selbst Kiruna noch zehn Jahre bis zur Produktion braucht? Fünfundzwanzig Prozent Recycling, wenn heute weniger als ein Prozent der Seltenen Erden recycelt wird?
Die Antwort liegt nicht in einem einzelnen Silberstreif, sondern in einem Portfolio von Maßnahmen: Beschleunigter Aufbau von Minen in Europa und Nordamerika, massive Investitionen in Recycling-Infrastruktur für Seltene Erden, Forschung an seltenerdfreien Technologien, Diversifizierung der Lieferländer und – vor allem – Reduktion des absoluten Verbrauchs durch Materialeffizienz und Kreislaufwirtschaft.
China wird seine Dominanz bei Seltenen Erden nicht freiwillig aufgeben. Myanmar bleibt instabil. Preise werden schwanken. Doch die Alternative zur Transformation ist keine Option. Die Energiewende ohne Seltene Erden wird nicht gelingen – aber die Abhängigkeit von autoritären Regimen kann und muss reduziert werden. Der CRMA ist ein Anfang. Die wirkliche Arbeit beginnt jetzt.
FAQ: Häufige Fragen zu Seltenen Erden
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Was sind Seltene Erden?
Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 chemischen Elementen, bestehend aus den 15 Lanthanoiden sowie Scandium und Yttrium. Sie sind unverzichtbar für Permanentmagnete, Elektromotoren, Windkraftanlagen und viele weitere Zukunftstechnologien. -
Warum heißen Seltene Erden „selten“?
Der Begriff ist historisch und irreführend. Seltene Erden sind in der Erdkruste vergleichsweise häufig vorhanden – ihre Seltenheit liegt in der wirtschaftlich rentablen Gewinnung, nicht in ihrer absoluten Menge. -
Warum ist Europa abhängig von Seltenen Erden aus China?
China kontrolliert rund 65 bis 70 Prozent der weltweiten Förderung und rund 90 Prozent der Verarbeitung von Seltenen Erden. Diese Dominanz ist das Ergebnis jahrzehntelanger strategischer Industriepolitik, nicht geologischer Notwendigkeit. -
Was regelt der Critical Raw Materials Act bei Seltenen Erden?
Der im Mai 2024 in Kraft getretene CRMA verpflichtet die EU, bis 2030 mindestens 10 Prozent ihres Bedarfs an Seltenen Erden selbst zu fördern, 40 Prozent in Europa zu verarbeiten, 25 Prozent zu recyceln und die Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferland auf maximal 65 Prozent zu begrenzen. -
Können Seltene Erden recycelt werden?
Ja – theoretisch lassen sich bis zu 99,8 Prozent der Seltenen Erden zurückgewinnen. Aktuell recycelt Europa jedoch weniger als ein Prozent. Neue Verfahren, etwa der Lichtbogen-Prozess der Rice University, könnten das Recycling deutlich effizienter und wirtschaftlicher machen.