Pflegesysteme im Vergleich: Vor- und Nachteile von Bereichs-, Bezugs- und Funktionspflege

© pikselstock – stock.adobe.com

Je nach Arbeitsorganisation einer Pflegeeinrichtung kommen vor Ort verschiedene Pflegesysteme zum Einsatz: Krankenhäuser nutzen häufig eine Form der Funktionspflege, wohingegen kleinere, oft private Einrichtungen, auch Bezugspflege oder Primary Nursing praktizieren. Aber welche Pflegesysteme gibt es grundsätzlich und welche Chancen bzw. Risiken müssen Krankenhäuser und Pflegedienste beachten?

Inhaltsverzeichnis

  1. Pflegesysteme: Definition
  2. Welche Pflegesysteme gibt es?
  3. Pflegesysteme im Vergleich: Vor- und Nachteile
       3.1 Funktionspflege
       3.2 Bereichspflege
       3.3 Bezugspflege
       3.4 Primary Nursing

Pflegesysteme: Definition

Pflegesysteme sind Modelle, die Aufgaben und Standards im Bereich der Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege definieren. Dazu gehören z. B. die Zuständigkeiten der einzelnen Pflegekräfte sowie die ganzheitliche Arbeitsorganisation.

Pflegesysteme sind Bestandteil des Pflegemanagements und bieten eine Rahmenstruktur für die tägliche Arbeit der Pflegekräfte. Allerdings verfolgt jedes Pflegesystem unterschiedliche Ansätze. Daraus lassen sie sich in verschiedene Bereiche unterteilen.

Welche Pflegesysteme gibt es?

Die einzelnen Pflegesysteme unterscheiden sich besonders in der Art der Arbeitsaufteilung, den hierarchischen Regelungen innerhalb des Pflegepersonals sowie der Bedeutung der Beziehung zu den Patienten bzw. Pflegebedürftigen.

Daraus ergeben sich v. a. folgende Pflegesysteme:

tätigkeitsbezogene Pflegesysteme
  • Funktionspflege
patientenorientierte Pflegesysteme
  • Bereichspflege
  • Bezugspflege
  • Primary Nursing

Während bei tätigkeitsbezogenen Pflegesystemen vor allem die anfallenden Pflegeaufgaben und der effiziente Arbeitsablauf im Vordergrund stehen, fokussieren sich patientenorientierte Systeme auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Patienten, bei denen meist eine bestimmte Pflegekraft für einen Patienten zuständig ist.

Doch wie unterscheiden sich die Pflegesysteme konkret voneinander? Und welche Vor- bzw. Nachteile haben die einzelnen Ansätze zur Folge?

Pflegesysteme im Vergleich: Vor- und Nachteile

Jedes Pflegesystem setzt einen bestimmten Fokus, sei es auf den effizienten Arbeitsablauf innerhalb des Pflegepersonals oder auf die persönliche Betreuung einzelner Patienten. Daraus können sich unterschiedliche Vor- und Nachteile ergeben, die sowohl in stationären Einrichtungen wie Krankenhäusern, als auch bei ambulanten Pflegediensten zu beachten sind.

Die folgende Übersicht stellt die einige der häufigsten Pflegesysteme in Deutschland vor und erläutert deren positive sowie negative Effekte.

Pflegesystem Vorteile Nachteile
Funktionspflege 

Bei der Funktionspflege lassen sich die anfallenden Pflegetätigkeiten in einzelne Prozesse unterteilen, die das Pflegepersonal in mehreren Arbeitsgängen wiederholt durchführt.

Solche Prozesse sind z. B.

  • das Erfassen bzw. Messen von Blutdruck, Puls und Temperatur der Patienten,
  • die tägliche Medikamentengabe.
Diese Aufgaben fallen immer wiederkehrend an und werden von unterschiedlichen Personen ausgeführt. Daraus ergibt sich auch das Grundprinzip der Funktionspflege: Nicht alle pflegerischen Tätigkeiten müssen von examinierten Pflegekräften ausgeführt werden.

Daher sind in der Praxis häufig Auszubildende oder Praktikanten für wiederkehrende Arbeitsschritte zuständig. Sie führen die Arbeit aus und geben die gesammelten Daten anschließend an die Schichtleitung weiter, die diese im Rahmen der Pflegedokumentation in den entsprechenden Akten vermerkt.

  • Alle in einer Schicht eingesetzten Pflegekräfte lassen sich entsprechend ihrer Qualifikation einsetzen.

  • Durch die verinfachte Aufgabenverteilung lassen sich Arbeitsprozesse und -abläufe im Krankenhaus optimieren und effizienter gestalten.

  • Auszubildende und andere unerfahrene Pflegekräfte bekommen eine Routine innerhalb ihrer Aufgaben.

  • Eventuelle Kostenersparnis, da sich eine Pflegekraft um mehrere Patienten gleichzeitig kümmert. Das spart Personal.
  • Der professionelle Pflegeprozess lässt sich ggf. nicht einheitlich durchführen, da immer unterschiedliche Pflegekräfte einen Patienten behandeln, die allesamt etwas unterschiedlich arbeiten.

 

  • Die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Patienten können in den Hintergrund rücken. Dadurch fühlen sich die Patienten ggf. unwohler.

 

  • Erhöhter Aufwand zur Koordinierung der Aufgaben, da sie immer wechselnd von unterschiedlichen Personen getätigt werden.

 

  • Mögliche Informationsverluste, da die gesammelten Daten der Patienten von mehr als einer Person erhoben und transportiert werden.
Bereichspflege  

Die zu versorgenden Pflegeeinheiten bzw. -stationen sind in feste Bereiche oder Gruppen gegliedert.

Für die Betreuung der einzelnen Bereiche sind wiederum speziell zugeordnete Pflegekräfte zuständig. Die Einteilung der Bereiche übernimmt die Stationsleitung.

Formen der Bereichspflege sind:

Gruppenpflege:
Eine Pflegekraft ist für mehrere Patienten zuständig, die eine Gruppe ergeben.

Zimmerpflege:
Die Zuordnung der Patienten an die einzelnen Pflegekräfte erfolgt nach Zimmern auf der Station.

So ist die Bereichspflege das Gegenstück zur Funktionspflege, bei der ein Patient nicht nur einer bestimmten Pflegekraft zugeteilt ist.

  • Alle Patienten haben eine feste Bezugsperson. Das steigert Vertrauen und Bindung zwischen Pflegekraft und Patient.

 

  • Die Patienten lassen sich effizienter beobachten und versorgen, da stets die gleichen Personen zuständig sind, denen ggf. Änderungen am Patienten schneller auffallen.

 

  • Auszubildende und Praktikanten lassen sich effektiver anleiten, indem sie lernen, ihre Arbeit eigenverantwortlich einzuteilen und auszuführen.
  • Müssen Pflegekräfte aus anderen Stationen oder Bereichen kurzfristig einspringen, wissen diese meist nur wenig über die Patienten.

 

  • Stimmt die Sympathie zwischen Patient und Pflegekraft nicht, ist der Patientenwechsel im Nachhinein oft schwierig.

 

  • Durch das Bilden fester Gruppen nehmen ggf. Kollegialität und Hilfsbereitschaft innerhalb des Pflegepersonals ab.
Bezugspflege

In der Bezugspflege steht die Beziehung zwischen Patient und Pflegekraft im Vordergrund. Die Pflege erfolgt ganzheitlich und individuell, beginnt mit der Aufnahme des Patienten und erfolgt bis zu dessen Entlassung.

Für jeden einzelnen Patienten ist eine Bezugspflegekraft zuständig. Kann diese ihre Funktion kurzzeitig nicht erfüllen, sind stellvertretende Pflegekräfte verantwortlich, die sich an die Pflegeplanung der Bezugspflegekraft halten müssen.

Bestandteile dieses Pflegesystems sind besonders:

  • professionelle Kommunikation
  • klar definierte Zuständigkeiten
  • Verantwortungsübernahme der Pflegekräfte
  • tägliche Arbeitszuweisungen

Beim Pflegesystem der Bezugspflege plant, bewertet und führt die Bezugspflegekraft den Pflege- und Versorgungsprozess eigenständig aus. Hier geht sie auch auf die Bedürfnislage des jeweiligen Patienten ein.

Durch das hohe Maß an Verantwortung und erforderlichen Kompetenzen sollte die Bezugspflegekraft eine entsprechende Qualifikation aufweisen.

Eine Sonderform der Bezugspflege ist das Primary Nursing (engl. für „Primärpflege“).

  • Bei der Pflege werden die individuellen Bedürfnisse der Patienten berücksichtigt, sodass eine darauf abgestimmte Pflege möglich ist.

 

  •  Durch die feste Zuteilung einer Bezugskraft wächst ggf. das Vertrauen der Patienten.

 

 

  •  Die Bezugspflegekraft trägt große Eigenverantwortung, hat aber auch eigenen Gestaltungsspielraum in der Pflege des Patienten.
  • Durch die individuelle Pflege verliert die Pflegekraft ggf. die professionelle Distanz zum Patienten.

 

  • Erhöhte Stressbelastung der Bezugspflegekraft ist möglich, da sie viel Verantwortung alleine trägt.

 

  • Im Konfliktfall ist der Wechsel der zuständigen Pflegekraft schwieriger.
Primary Nursing / Primary Nurse

Eine Primary Nurse arbeitet als Bezugspflegekraft und ist die ausführende Instanz im Primary Nursing. Dieses Pflegesystem hat seine Ursprünge Ende der 1960er Jahre in den USA und basiert auf den Prinzipien der Bezugspflege.

Primary Nursing dient vor allem dazu, die Pflegeaufgaben an eine bestimmte Primary Nurse zu übertragen und zu koordinieren, die vollumfänglich und ganzzeitig für die Pflege des Patienten verantwortlich ist.

So wird eine Primary Nurse u. a. für folgende Aufgaben eingesetzt:

  • pflegerische Anamnese
  • Pflegeplanung
  • das theoretische Pflegekonzept in der Praxis ausführen sowie die dazugehörige Evaluation
  • Untersuchungen und Therapien regeln
  • Ansprechperson für Angehörige und Bezugspersonen
  • Im Entlassungsfall diesen organisieren

Jede Primary Nurse kann bestimmte Associate Nurses berufen, die ihre Aufgaben übernehmen, falls die Primary Nurse kurzzeitig ausfällt. Den Associate Nurses sind wiederum assistierende Schwestern (Nurse Assistants) zugeordnet, die die Pflege gemäß der Pflegeplanung der Primary Nurse weiter ausführen.

Allerdings kommen Primary Nurses in Deutschland bislang nur in wenigen stationären, meist kleinen Pflegeeinrichtungen zum Einsatz. Ein Grund kann sein, dass ggf. höhere Personalkosten entstehen, da beim Beschäftigten von Primary Nurses für einzelne Patienten meist mehr Personal erforderlich ist. Allerdings hängt dieser Faktor stark von der grundlegenden Pflegeplanung ab.

Grundsätzlich kommt in der Praxis häufig nicht nur ein einzelnes Pflegesystem zum Einsatz. Vielmehr werden mehrere Systeme bzw. deren jeweiligen Stärken miteinander verknüpft. So erzielen Pflegedienste und Krankenhäuser größere Vorteile, als bei der Nutzung eines einzigen Pflegesystems.

In Deutschland nutzen stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen meist eine Mischung aus Funktions- und Bereichspflege. Genauer sind die examinierten Pflegefachkräfte den Aufgaben der Bereichspflege zugeordnet, während v. a. Auszubildende und Praktikanten routinemäßige Tätigkeiten übernehmen, wie die Blutentnahme bei Patienten, und in verschiedenen Bereichen eingesetzt sind.

Damit die Zusammenarbeit mit angehenden Pflegekräften optimal verläuft, ist eine umfassend praxisnahe und anschauliche Ausbildung erforderlich. Für diese Aufgabe sind i. d. R. die Praxisanleiter verantwortlich. Je nach Pflegesystem müssen sie ihren Pflegeschülern Kompetenzen und Fähigkeiten beibringen. Das Magazin „Die PraxisAnleitung“ unterstützt Krankenhäuser, Altenheime sowie ambulante Pflege- und Sozialdienste bei der Betreuung von Pflegeschülern und Studierenden. Außerdem sind in jeder Ausgabe Lernmaterialien und Dokumentationsbögen für die Praxis enthalten.

Quellen: „Die PraxisAnleitung“ 03/2020, flexikon.doccheck.com

Sie wollen mehr Fachwissen, Praxistipps und kostenlose Arbeitshilfen zum Bereich Gesundheitswesen und Pflege erhalten? Dann melden Sie sich gleich zu unserem kostenlosen Fach-Newsletter an!

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.