Bezugspflege einfach erklärt: Definition, Aufgaben sowie Vor- und Nachteile

© Robert Kneschke – stock.adobe.com

Bei der Bezugspflege ist meist nur eine bestimmte Pflegekraft für einen Patienten zuständig. So soll ein besonders enges Vertrauensverhältnis zum Pflegebedürftigen entstehen und der gesamte Pflegeprozess gefördert werden. Doch welche Aufgaben fallen bei der Bezugspflege an? Welche Vor- und Nachteile bietet das Pflegesystem und wie können Pflegedienste ein entsprechendes Pflegekonzept zur Umsetzung entwickeln?

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist Bezugspflege? – Definition
  2. Warum ist Bezugspflege wichtig?
  3. Vor- und Nachteile von Bezugspflege
  4. Aufgaben in der Bezugspflege
  5. Passendes Pflegekonzept entwickeln und umsetzen
  6. Bezugspflege bei Demenz

Was ist Bezugspflege? – Definition

Bezugspflege ist ein ganzheitlich orientiertes Pflegesystem, das bei der Kranken- und Altenpflege besonderen Wert legt auf die Beziehung zwischen dem Patienten und der zuständigen Pflegekraft. Im Gegensatz zur Funktionspflege haben hier die Patienten bzw. Pflegebedürftigen keine wechselnden Bezugspersonen, sondern meist eine feste Bezugspflegekraft. Diese betreut zwar meist mehrere Personen während ihrer Schicht, die einzelnen Patienten haben jedoch stets dieselbe Ansprechperson.

Für die Ausführung und die Rolle der Bezugsperson ist eine entsprechende Bezugspflegekraft zuständig. Sie wendet die vorher festgelegten Pflegemaßnahmen an und kann sie ggf. im Rahmen von Pflegeanleitungen an Hilfskräfte wie Pflegehelfer abgeben.

Die Rolle der Bezugspflegekraft wird z. B. in Wohngemeinschaften deutlich: Diese Gemeinschaften gelten als Alternative zum Altenheim, bei der i. d. R. acht bis zwölf Menschen ihren Alltag zusammen verbringen. Eine Präsenzkraft betreut sie und gilt gleichzeitig als treibende Kraft der Wohngemeinschaft. Sie sorgt dafür, dass alle Bewohner ihre Fähigkeiten und Vorlieben bei jeder Tätigkeit einfließen lassen können. Da sich die Bewohner dadurch stark an der Pflegefachkraft orientieren, übernimmt sie automatisch die Rolle der Bezugsperson.

Das „Kuratorium Deutschen Altenhilfe“ unterscheidet bei Bezugspersonen in der Bezugspflege zwischen zwei Arten:

Art der Bezugsperson Definition
primäre Fachpflege-Bezugsperson

= Ansprechpartner und Vertrauensperson für den Pflegebedürftigen sowie dessen Angehörige. Sie übernimmt diese Rolle vom Einzug bis zum Auszug oder Tod des Bewohners.

Aufgaben der primären Fachpflege-Bezugsperson:

  • Lernt Fähigkeiten, Ressourcen, Bedürfnisse und Probleme des Pflegebedürftigen kennen.
  • Ist verantwortlich für Pflegeprozess und Pflegeplanung.
  • Sorgt sich um die Erhebung der Biografie des Bewohners.
  • Fungiert als Ansprechperson für Ärzte und Therapeuten.

Geringfügig beschäftigte Pflegekräfte sind als Bezugsperson weniger geeignet, da sie meist nicht kontinuierlich anwesend sind. Diese Voraussetzung ist allerdings insbesondere bei der Eingewöhnung in der Bezugspflege entscheidend.

aktuelle Fachpflege-Bezugsperson

= Person, die während einer Schicht für eine gewisse Anzahl von Pflegebedürftigen/einen bestimmten Bereich zuständig ist. Sie übernimmt die umfassende Pflege der einzelnen Personen innerhalb der Schicht.

Dazu gehören insbesondere folgende Aufgaben:

  • Grundpflege
  • Behandlungspflege
  • Toilettengänge und Nahrungsaufnahme
  • Seelsorge und Gesprächsführung

Grundsätzlich gilt bei der Bezugspflege: Jede Pflegefachkraft sollte nicht für mehr als sechs bis acht Personen zuständig sein. Die genaue Anzahl hängt v. a. vom Krankheitsbild und Betreuungsbedarf der jeweiligen Bewohner ab. Die Einteilung der einzelnen Fachkräfte übernimmt der Pflegedienst bzw. die Stationsleitung.

In einigen Punkten ist die Bezugspflege jedoch ähnlich zur Bereichspflege: Dort sind die zu versorgenden Pflegeeinheiten bzw. -stationen in vorgeschriebene Bereiche oder Gruppen eingeteilt. So ist eine Pflegekraft für eine bestimmte Gruppe oder ein bestimmtes Zimmer einer Station zuständig. Allerdings gibt es auch Unterschiede zwischen beiden Pflegeformen. Näheres hierzu sowie zu weiteren Arten von Pflegesystemen zeigt der Beitrag „Pflegesysteme im Vergleich: Vor- und Nachteile von Bereichs-, Bezugs- und Funktionspflege“.

Merkmale der Bezugspflege

Die grundlegenden Merkmale der Bezugspflege sind:

  • Bezugspflege legt besonderen Fokus auf die Beziehung zwischen Patient und Pflegekraft.
  • Die Pflegekraft übernimmt während ihrer Schicht besondere Verantwortung als enge Bezugsperson des Patienten. So trifft sie alle Entscheidungen, die die Pflege des Betreuten betreffen.
  • Es gibt eindeutig festgelegte Zuständigkeiten unter den einzelnen Pflegefachkräften. Die hierbei eingeteilten Bereiche bleiben jedoch meist gleich.
  • Alle Bezugspflegefachkräfte planen und setzen ihre Pflegemaßnahmen selbst um.
  • Bei einem Ausfall der zuständigen Bezugspflegefachkraft muss eine andere Pflegekraft einspringen. Sie muss sich dabei an die Planung der Pflegekraft halten, die sie vertritt.
  • Vertretungen der Pflegepersonen gibt es meist nur in Ausnahefällen, z. B. bei Urlaub oder einer längeren Fortbildung.

Eine Sonderform der Bezugspflege ist das sog. „Primary Nursing“.

Unterschied Primary Nursing und Bezugspflege

Beim Primary Nursing (engl. für „Primärpflege“) übernimmt eine sog. „Primary Nurse“ die Aufgaben der Bezugspflegekraft. Diese Pflegeform basiert auf den Prinzipien der Bezugspflege: Auch hier wird einem Patienten eine Pflegekraft indivduell zugteilt.

Allerdings trägt beim Primary Nursing die Pflegekraft rund um die Uhr die alleinige Verantwortung für ihren Patienten. In der Bezugspflege sind die Betreuer nur für die Zeit ihres Diensts für die Pflege der Patienten zuständig.

Weitere Informationen zum Thema Primary Nursing finden Interessierte in diesem Beitrag.

Warum ist Bezugspflege wichtig?

Bezugspflege als Pflegesystem hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Zuwachs erhalten. So geht der Trend weg von der generalistischen Funktionspflege hin zur individuellen Versorgung in der Bezugspflege. Doch weshalb ist so eine Entwicklung erkennbar? Warum ist Bezugspflege so wichtig?

1. Bezugspflege erfüllt menschliche Bedürfnisse

Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Kontakt, Beziehung und Nähe zu anderen Menschen. Sie bestehen unabhängig vom Alter und Gesundheitszustand der zu pflegenden Personen. Die Bezugspflege kommt diesem Wunsch nach und bietet allen Pflegebedürftigen die Möglichkeit, in engen Kontakt und Austausch mit einer festen Bezugsperson zu treten.

2. Umzug ins Alten- oder Pflegeheim fällt leichter

Muss ein Mensch erstmals von zu Hause in ein Pflege- oder Altenheim ziehen, kann es ihm schwerer fallen, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Während im alten Haus alles vertraut und bekannt war, sorgen die neuen vier Wände häufig für Unsicherheit und Unwohlsein.

Gerade in diesem Abschnitt sind Kontinuität und Stabilität für Pflegebedürftige besonders wichtig. Die Bemühungen der Pflegekraft, im Rahmen der Bezugspflege ein enges Vertrauensverhältnis mit dem Patienten zu schaffen, können diese notwendige Sicherheit bei Pflegebedürftigen schaffen.

3. Ausgleich zu fehlenden Angehörigen oder Bekannten

Vor allem ältere Menschen haben manchmal keine Angehörigen oder Bekannten mehr, da diese bereits verstorben sind oder zu weit weg wohnen, als dass sie regelmäßig auf einen Besuch vorbeikommen können. Teils wollen oder können die Angehörigen aber auch nicht die Pflege des Patienten übernehmen.

Auch hier versucht die Bezugspflege einen Ausgleich zu schaffen, indem die betreuende Pflegekraft ein ähnliches Vertrauen zum Pflegenden aufbaut, wie er es zu seinen sonstigen Angehörigen und Bekannten hat bzw. hatte.

Auch wenn nun klar ist, wieso Bezugspflege ein wichtiges Pflegesystem in unserer modernen Gesellschaft ist, bietet das Modell nicht nur Chancen, sondern auch Risiken für Pflegeheime und Pflegedienste.

Vor- und Nachteile von Bezugspflege

Die folgende Übersicht zeigt einige Vor- und Nachteile, die die Bezugspflege mit sich bringt.

Vorteile Nachteile
  • Verglichen mit anderen Pflegesystemen lässt sich bei der Bezugspflege langfristig eine tiefere Bindung und größeres Vertrauen vom Patienten zur Pflegefachkraft aufbauen. Dadurch fühlen sich die Patienten mehr wertgeschätzt und öffnen sich leichter gegenüber ihrer betreuenden Pflegekraft.
  • Durch den engen und vertraulichen Umgang berücksichtigt die Bezugspflege die Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten. Damit kann die Pflegekraft ein ganzheitliches und bedürfnisgerechtes Pflegekonzept entwickeln.
  • Die Eingewöhnungsphase des Patienten ist meist leichter, da er bereits zu Beginn stets dieselbe Ansprechperson hat. So vermittelt ihm die Pflegekraft schneller das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit eines neuen Zuhauses.
  • Durch das größere Vertrauen funktioniert die Arzt-Patienten-Kommunikation i. d. R. reibungsloser. Gleichzeitig fällt der Kontakt mit Angehörigen leichter.
  • Sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Pflege sind die Bezugspflegekräfte häufig die letzte Möglichkeit für ältere Menschen neue Kontakte zu knüpfen und zu halten.
  • Der Erfolg der Bezugspflege ist sehr individuell und abhängig von der Persönlichkeit bzw. der Chemie zwischen der Pflegefachkraft und der zu betreuender Person. Während die eine Pflegekraft schnell das Vertrauen des Patienten gewinnt, benötigt eine andere beim selben Patienten ggf. doppelt oder dreimal so lange.
  • Es besteht die Gefahr, dass eine Pflegefachkraft in der Bezugspflege nicht die notwendige professionelle Distanz zum Pflegebedürftigen halten kann.

  • Außerdem fallen der Betreuung ggf. Veränderungen am Patienten nicht so schnell auf, da sie ihn jeden Tag/regemäßig sieht.

  • Weil eine Pflegekraft mehrere Personen betreut, zu denen sie gleichzeitig jeweils ein enges Verhältnis aufbauen soll, trägt sie eine größere Verantwortung. Das kann langfristig zu Stress und Erkrankungen wie Burnout führen.
  • Organisatorische Herausforderungen: Fällt eine Bezugspflegefachkraft (längerfristig) aus, muss schnell eine gleichwertige Kraft gefunden werden. Allerdings hat diese meist kein so enges Verhältnis zu den Pflegebedürftigen, was die Pflege und Behandlung für diesen Zeitraum erschweren kann.

Letztlich muss jede Pflegeeinrichtung und jeder (ambulante) Pflegedienst selbst entscheiden, ob es sinnvoll ist, sich dem Modell der Bezugspflege anzunähern und entsprechende Konzepte zu entwickeln.

Was bei der Entscheidung helfen kann, sind die Aufgaben, die besonders bei der Bezugspflege anfallen. So kann sich die Pflegeleitung ein Bild davonmachen, wie realistisch sich diese Aufgaben in ihrem Dienst umsetzen ließen.

Aufgaben in der Bezugspflege

Jedes Pflegesystem hat teils unterschiedliche Aufgaben, die auf die Pflegefachkräfte zukommen. In der Bezugspflege müssen sie insbesondere folgenden Tätigkeiten nachgehen:

  • Pflegerische Anamnese des Pflegebedürftigen durchführen.
  • Pflegemaßnahmen und -prozesse planen, ausführen und im Anschluss bewerten.
  • Notwendige Hilfsmittel für die Patienten bestellen.
  • Alle ausgeführten Pflegemaßnahmen fachgerecht dokumentieren.
  • Ggf. einzelne Aufgaben an Pflegehelfer oder Auszubildende abgeben.
  • Biografiearbeit mit den Pflegebedürftigen leisten.

Diese Aufgaben machen die Grundprinzipien der Bezugspflege deutlich. Wenn sich Verantwortliche im Gesundheitswesen nun dafür entscheiden, ein entsprechendes Bezugspflegekonzept zu entwickeln, sollten sie jedoch noch weitere Punkte beachten.

Passendes Pflegekonzept entwickeln und umsetzen

Um das passende Bezugspflegekonzept zu entwickeln, sollten Pflegedienstleitungen und andere Verantwortliche v. a. folgende Schritte berücksichtigen:

1. Konzeption und Aufteilung der Zuständigkeiten
  • Alle Fachkräfte auf die einzelnen Pflegebedürftigen aufteilen. Hierbei zunächst ermitteln, wie hoch die zu erwartende durchschnittliche Leistungsdauer pro Patient und Schicht ist.
  • Bei stationärer Bezugspflege: Die Aufteilung erfolgt meist entweder anhand von räumlichen Kriterien (nach Raum, Stockwerk, Station) oder anhand spezieller pflegerischer Kriterien (Pflegegrad, Vorerkrankungen etc.).
  • Es können zusätzliche Hilfskräfte wie Pflegehelfer hinzugezogen werden.
  • Am Ende muss das Verhältnis von Pflegestufen und Krankheitsbildern bei jeder Fachkraft ausgewogen sein.
  • Die Zuordnung der Bezugspflegefachkräfte zu ihren Patienten sollte schriftlich dokumentiert werden.
2. Angehörige benachrichtigen
  • Vor bzw. spätestens bei Beginn der Einführung des Bezugspflegekonzepts sollten Angehörige der Pflegebedürftigen darüber informiert werden, welche Pflegefachkraft ihre künftige Ansprechperson sein wird.
3. Nach Probezeit neues Pflegekonzept prüfen
  • Nach ca. sechs Monaten Probezeit sollten die Verantwortlichen den bisherigen Erfolg der Bezugspflege messen. Hierfür sollten sie folgende Parteien über die Zufriedenheit des neuen Pflegekonzepts befragen:
    • alle Angestellten (Bezugspflegefachkräfte, Praxisanleitungen, Hilfskräfte, Auszubildende etc.)
    • die Pflegebedürftigen und Patienten
    • die Angehörigen der Pflegebedürftigen und Patienten
  • Stellen die Verantwortlichen bei der Überprüfung Konflikte mit den Pflegebedürftigen oder deren Angehörigen fest, sollte wie folgt vorgegangen werden:
    • bei leichteren Konflikten: Klärendes Gespräch führen.
    • bei schwereren Konflikten: Zuständigkeiten der Pflegefachkräfte anpassen.
4. Weitere Kontrollen und Meinungsumfragen
  • Ist die Implementierung der Bezugspflege in den ersten sechs Monaten erfolgreich, kann dieses System weiterverfolgt werden. Allerdings sollten die Verantwortlichen auch danach in regelmäßigen Abständen die Funktion und den Erfolg des Bezugspflegekonzepts prüfen.

Diese Schritte fördern eine erfolgreiche Umsetzung von Bezugspflege in der Kranken- und Altenpflege. Doch die Bezugspflege ist nicht nur in diesen Bereichen hilfreich. Besonders im Umgang mit Menschen, die unter Demenz leiden, können die Ansätze der Bezugspflege förderlich für die pflegerische Behandlung sein.

Bezugspflege bei Demenz

Die Bezugspflege ist insbesondere bei Menschen mit Demenz ratsam. Gerade sie benötigen Kontakt, Beziehungen und Nähe zu Anderen, da sie sich häufig noch an vergangene Situationen mit Wärme, Zuwendung und Freude erinnern können. Um diese Gefühle nicht weiter in Vergessenheit geraten zu lassen, versucht die Bezugspflege diese Emotionen durch besondere Nähe und Vertrauen zur Pflegefachkraft wieder aufleben zu lassen.

Wie Fachkräfte den Pflegebedarf eines demenziell Erkrankten richtig erkennen und behandeln, zeigt das Praxishandbuch „Pflege und Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz“. Damit kommen Pflegeeinrichtungen dem aktuellen Expertenstandard des DNQP nach und erleichtern sich die pflegerische Versorgung von Demenzpatienten. Hierfür enthält das Buch Anleitungen und Muster-Pflegeplanungen. Außerdem bietet es Schulungsmaterialien für Pflegekräfte und Unterlagen zum selbstständigen Lernen.

Quelle: „Pflege und Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz

Sie wollen mehr Fachwissen, Praxistipps und kostenlose Arbeitshilfen zum Bereich Gesundheitswesen und Pflege erhalten? Dann melden Sie sich gleich zu unserem kostenlosen Fach-Newsletter an!

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.