Gesundheitswesen und Pflege

In Deutschland fehlt es an Schutzkonzepten vor Gewalt in der Pflege. Diese Meinung vertreten Mainzer Forscher, die sich vergangene Woche im Rahmen eines internationalen Symposiums mit der Sicherung des Wohls von alten Menschen beschäftigt haben. Zwar sei die Diskussion öffentlich geführt worden, konkrete Ansätze, wie die älteren Menschen vor dieser Gewalt geschützt werden können, hätten laut den Forschern aber weder Politik noch Wissenschaft vorgelegt. Doch wo fängt Gewalt in der Pflege an und welche präventiven Ansätze werden heute schon umgesetzt?

Wo fängt Gewalt in der Pflege an? 

Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass das, was ein Mensch als Gewalt empfindet von gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Einflüssen sowie persönlichen Erfahrungen abhängt. Gewalt tritt dabei in ganz unterschiedlichen Formen auf und ist manchmal von außen nicht direkt zu erkennen. 

In der Pflege beginnt Gewalt dort, wo 

  • notwendige pflegerische Maßnahmen nicht ausgeführt werden,
  • Handlungen gegen den Willen des Pflegebedürftigen geschehen, 
  • der Betroffene verbal attackiert wird, 
  • Bedürfnisse des Pflegeheimbewohners bewusst und absichtlich ignoriert werden oder 
  • unerwünschte Handlungen an ihm vorgenommen werden. 

Ursachen von Gewalt in der Pflege 

Die Auslöser von Gewalt sind wie die Formen der Gewalt sehr vielfältig. Dabei passiert sie selten aus dem Nichts heraus. Meist wird der Ärger über eine längere Zeit angesammelt, bevor er sich plötzlich entlädt. Deshalb ist es sehr wichtig, die Gesamtsituation zu erfassen, bevor ein Urteil gefällt wird. In Pflegeeinrichtungen kann Gewalt von beiden Seiten ausgehen – vom Pflegepersonal genauso wie von den Pflegebedürftigen.

Gründe für Gewalt, die vom Pflegepersonal ausgeht 

  • Stress bedingt durch Belastung oder herausforderndes Verhalten eines Pflegeheimbewohners kann eine affektive Handlung auslösen. 
  • Permanente Überlastung, die nicht verarbeitet wird, kann zum Verlust der Selbstkontrolle führen. 
  • Zu problematischen Vorfällen kann es zudem kommen, wenn der Pflegekraft kein geeignetes Handwerkszeug zur Verfügung gestellt wird, um adäquat auf Stresssituationen zu reagieren. 

Natürlich spielt auch die Ausbildung sowie die persönliche Verfassung eine entscheidende Rolle dabei, ob jemand gewalttätig wird oder nicht. Denn jeder hat in seinem Leben bestimmte Verhaltensmuster erlernt, mit denen er Problemen und Belastungen begegnet. 

Gründe für Gewalt, die von Pflegebedürftigen ausgeht 

  • Krankheitsbedingt, weil sich z. B. das Gehirn verändert oder sich die Medikation negativ auf die Persönlichkeit auswirkt
  • Ärger darüber, dass bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigt werden
  • Nicht-Akzeptieren des eigenen Schicksals 
  • Gefühl der Hilflosigkeit und Verlust der Selbstbestimmung 

Ältere Menschen müssen mit der ungewohnten Umgebung und der Tatsache zurechtkommen, dass ihr Handlungsspielraum immer weiter eingeschränkt wird. Die Pflegekraft muss deshalb viel Empathie aufbringen, um diese Sorgen zu verstehen und besser nachvollziehen zu können, warum ein Pflegebedürftiger herausfordernd oder gar gewalttätig reagiert. 

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Gewalt in der Pflege – So gelingt die Prävention 

Im Grundgesetz ist das Recht des Einzelnen auf ein gewaltfreies Leben verankert. Deshalb ist es umso wichtiger, das Thema Gewalt in der Pflege konstruktiv anzupacken und nicht nur darüber zu sprechen. Das Symposium in Mainz setzte sich deshalb konkret mit der Frage auseinander, wie Pflegebedürftige vor Schlägen, Vernachlässigung und Überforderung der Pfleger geschützt werden können. 

Doch bis die Ergebnisse feststehen und umgesetzt werden können, vergeht noch Zeit. Darauf müssen Pflegeeinrichtungen nicht warten. Sie können bereits jetzt deeskalierende und lösungsorientierte Maßnahmen zur Prävention gegen Gewalt ergreifen. Solche Maßnahmen wären beispielsweise: 

  • Erhöhte Kontrolle: Pflegekräfte können in ihrem Handeln begleitet und gespiegelt werden. Auf diese Weise werden Tätigkeiten hinterfragt. 
  • Frustrationstoleranz und Kommunikationsfähigkeiten des Pflegepersonals stärken. 
  • Bereits entstandene Konflikte durch einen Moderator begleiten lassen, der die Parteien dazu ermutigt, den Konflikt gemeinsam zu analysieren und Lösungen zu finden. Darüber hinaus stellt der Moderator die Kommunikationsregeln auf.
  • In einer Supervision oder einem Coaching können Pflegekräfte erlernen, das eigene berufliche Handeln zu hinterfragen und zu reflektieren. Darüber hinaus werden das eigene Selbstbewusstsein und die Selbstsicherheit gestärkt
  • Fachwissen über die verschiedenen Alterserkrankungen und deren Symptome ist die Grundlage dafür, Verständnis aufbringen zu können. So kann das Pflegepersonal empathisch auf herausforderndes Verhalten von Pflegebedürftigen reagieren und Lösungsansätze für das jeweilige Problem suchen. 
  • Rollenspiele helfen dabei, zu erkennen, welche Emotionen bestimmte Situationen hervorrufen und wie man sich selbst wieder „runterfährt“. 
  • Nähe und Distanz wahren: Das Pflegepersonal wird mit „Sie“ angesprochen. Und auch die Pflegebedürftigen sollten nicht geduzt werden. So wird eine vertrauensvolle Umgebung geschaffen, ohne in die Kumpelschiene abzurutschen.
  • Fallbesprechungen zum Verhalten einzelner Bewohner sollten regelmäßig stattfinden, um Lösungsansätze und Maßnahmepläne zu definieren. 
  • Kollegen: Dem Pflegepersonal kann die Möglichkeit gegeben werden, in schwierigen Situationen einen Kollegen hinzuzurufen, um sich selbst zu beruhigen. 

Natürlich können auch drohende Sanktionen und arbeitsrechtliche Konsequenzen bewirken, dass Menschen nicht gewalttätig werden. Doch sollte dies im Hinblick auf die Ursachen für Gewalt die letzte Maßnahme sein. Die Aufgabe des Leiters einer Pflegeeinrichtung liegt vielmehr darin, zu bewerten, ob z. B. Überbelastung die Ursache für Aggressivität ist, um dann dieses Problem anzupacken. 

Quellen: „Pflege- und Expertenstandards auf CD-ROM“, altenheim.net

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